Vorträge
Mittwoch, 18. Oktober 2006, 19:30–21:00 Gesprächsabend Sven Saaler / Gerhard Schepers: „Neue Tendenzen des Nationalismus in Japan“
Aikokushin (Vaterlandsliebe) als neues Erziehungsziel; geplante Verfassungs-änderungen, die die Rolle des Militärs aufwerten; Besuche des Minister-präsidenten im Yasukuni-Schrein trotz internationaler Proteste; ein Gouverneur von Tokyo, der immer wieder durch abfällige Bemerkungen über Ausländer unangenehm auffällt; ganz zu schweigen von den Versuchen der Rechten und Ultrarechten, die japanische Geschichte in den Schulbüchern umzuschreiben: Viele japanische wie ausländische Beobachter konstatieren mit Besorgnis einen wachsenden Nationalismus in Japan und warnen vor dessen Konsequenzen.
Abe Shinzô, der neue Vorsitzende der Liberaldemokratischen Partei (LDP), ist seit Jahren eine der zentralen Figuren im neokonservativen und neonationa-listischen Establishment. In seinem jüngsten Buch Utsukushii kuni e (Ein schönes Land gestalten) resümiert Abe die politischen Ziele der Neokonservativen, wie Verstärkung von national und patriotisch orientierter Erziehung, Verbreitung eines „positiven“ Geschichtsbildes in der Bevölkerung und selbstbewußtes Auftreten Japans in der internationalen Arena. Eine Reform der Verfassung ist Kernstück des Umbaus Japans „in ein schönes Land.“ In diesem Zusammenhang verdient auch ein weiteres neu erschienenes Buch Beachtung, nämlich Kokka no hinkaku (Die Würde der Nation) von Fujiwara Masahiko, weil es innerhalb eines Jahres mit über zwei Millionen verkaufter Exemplare Rang zwei der japanischen Bestsellerliste erreicht hat (nur übertroffen von dem neuesten Harry Potter) und weil es ähnliche Gedankengänge enthält wie das von Abe. Allerdings sind die Forderungen noch radikaler: Abschaffung der Demokratie, weitgehende Abschaffung des Englisch-unterrichts, Rückkehr zum Geist des Bushidō, Abkehr vom westlichen Rationalismus und Rückbesinnung auf traditionelle ästhetisch-emotionale Werte und statt Globalisierung „stolze Abgeschiedenheit“.
Beide Bücher sollen kurz vorgestellt und verschiedenen Fragen dazu aufgeworfen werden, bevor wir sie dann in der Gesprächsrunde diskutieren.
Gerhard Schepers, promoviert in Münster 1972, lehrt seit 1974 an der International Christian University Deutsche Literatur und Vergleichende Kulturwissenschaft.
Sven Saaler, promoviert in Bonn 1999, war von 1999 bis 2005 am Deutschen Institut für Japanstudien (DIJ) in Tokyo und lehrt seit 2005 an der University of Tokyo. Im letzten Jahr hat er Politics, Memory und Public Opinion veröffentlicht, das sich mit Fragen des Geschichtsverständnisses in Japans Politik und Gesellschaft beschäftigt.









