Vorträge
Mittwoch, 29. März 2006, 18:30–20:00 Winfried Flüchter: „Schrumpfende, alternde Städte: Japans Gesellschaft vor neuen Herausforderungen“
Die japanische Gesellschaft erscheint uns als eine vitale städtische Gesellschaft, in der man sich das Problem „schrumpfende Städte“ – noch – gar nicht recht vorstellen kann. Zu dynamisch wirken die Städte Japans selbst nach einer mehr als ein Jahrzehnt dauernden Rezession, von der sich das Land erst seit kurzem zu erholen beginnt. Trotz oder wegen der lange prekären wirtschaftlichen Lage ist der Bauboom nicht nur in der ländlichen Peripherie, sondern auch in den großen Städten ungebrochen. Dies erscheint einerseits verwunderlich, andererseits verständlich. Die japanische Baulobby, an ihrer Spitze mächtige Akteure des Systems „Eisernes Dreiecks“ (Zusammenspiel aus Ministerial-bürokratie, Politik und Wirtschaft) haben es auf allen geographischen Maßstabsebenen – national, regional, lokal – verstanden, die Ausgaben für Konjunkturprogramme (deficit spending) in gefährliche Höhen zu treiben, damit zugleich das Gewinnpotential der Dreiecks-Akteure durch kartellartige Bieter-Absprachen (dangō) eigennützig zu sichern.
Man gewinnt den Eindruck, daß auch im heutigen Japan die Planung im Hinblick auf Stadt- und Regionalentwicklung, Energie und Transport immer noch von Wachstumsprognosen ausgeht. Dabei ist unstrittig, daß die Bevölkerungszahl bereits 2004 mit 127,776 Mio. Einwohnern ihren Höhepunkt erreicht und 2005 erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges abgenommen hat (-13.000 E.). Bis zum Jahr 2050 wird die Bevölkerung auf etwa 100 Mio., also um 22 % zurückgehen (mittlere Annahme). In Deutschland fällt die gleichzeitige Schrumpfung der Bevölkerung von 82, 5 Mio. auf 75 Mio. (mittlere Annahme) mit lediglich 9 % noch vergleichsweise milde aus. Die totale Fruchtbarkeitsrate, die bei einem Wert von ca. 2,1 Bestandserhaltung garantiert, ist in Japan von 2,23 (1967) auf ein Niveau von 1,28 (2004) gefallen und liegt mit am untersten Ende der Weltskala, noch unterhalb der Rate der alten Bundesrepublik Deutschland (1,4 ). Im Gegensatz zu Mitteleuropa kann das Problem der Bevölkerungsverluste in Japan vorerst nicht durch Zuwanderungen entschärft werden. Daßelbstverständnis eines ethnisch und sozial homogenen Landes sowie die damit verbundenen psychologischen Barrieren gegen eine Überfremdung sind in Japan sehr hoch, seine Einwanderungsgesetze entsprechend restriktiv.
Verschärft werden die Probleme durch die Alterung der japanischen Gesellschaft in einem Ausmaß wie nirgendwo sonst auf der Welt (Lebenserwartung Frauen: fast 85 Jahre, Männer 78 Jahre). Im Jahre 2005 hat der Anteil von Personen über 65 Jahren bereits 19,5 % erreicht (vgl. Deutschland 2000: 16,4 %), für 2050 wird er auf 36 % prognostiziert (vgl. Deutschland 31 %). „Schrumpfung und Alterung der Bevölkerung“ ist in Japan ein Thema, das an Dramatik die Szenarien in Deutschland potenziell noch übertrifft. In den ländlichperipheren Regionen Japans werden die Probleme, die langfristig dem gesamten Lande bevorstehen, bereits heute vorweggenommen: Dramatischer Rückgang der Bevölkerung, extreme Alterung der Gesellschaft, Probleme der Aufrechterhaltung einer nachhaltigen Infrastruktur. Ist deshalb aber die nahe liegende Folgerung schlüssig, man könne in Japan bereits von „schrumpfenden Städten“ sprechen?
Unter Berücksichtigung des letzten Bevölkerungszensus (1.10.2005) will der Vortrag neueste Ergebnisse präsentieren und an Beispielen den daraus resultierenden Handlungsbedarf für die Städte aufzeigen.
Winfried Flüchter studierte Geographie, lateinische Sprache und Literatur sowie Geschichte an den Universitäten Münster und Freiburg i.Br. Nach der Promotion in Bochum (1975) war er Dozent an der staatlichen Tsukuba-Universität. Seit 1987 ist er Professor für Kulturgeographie Schwerpunkt Ostasien/Japan an der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg. Bis Ende März 2006 hält er sich im Rahmen eines Forschungssemesters in Tokyo auf.










