Vorträge
Mittwoch, 14. Juni 2006, 18:30–20:00 Chizuru Sugino: “Wandel des ‘japanischen Managements‘ und der Firmenkultur – Mythos, Ernüchterung und Hoffnung”
Mythos
In den 80er und 90er Jahren galt „Japanisches Management“ in den westlichen Industrieländern als Erfolgsrezept. Nachdem die neuartige Fertigungsmethode in den USA zu Qualitätsverbesserung und Kosteneinsparung geführt hatte, sorgte die japanische Firmenkultur für Aufmerksamkeit. Eine wichtige Grundlage war das kontinuierliche Qualitätsstreben der Mitarbeiter. Sie arbeiteten hart und lang, teilweise sogar bis zum Karōshi (Tod durch Überarbeitung). Woher kam diese Firmenloyalität? „Lebenslange Anstellung“ und Senioritätsprinzip bei der Bezahlung waren Beispiele der traditionellen japanischen Firmenkultur. Im Prinzip geht es um langfristiges Commitment von Arbeitgebern und –nehmern. Beide Seiten haben gemeinsame Ziele, sei es Umsatzwachstum, Kunden-zufriedenheit oder Beitrag zur Gesellschaft durch den Beruf. Die Kunden und Mitarbeiter sind wichtiger als die Aktionäre, weil sich das Resultat der guten Leistung aller kundenorientierten Mitarbeiter in hohen Aktienpreisen niederschlagen sollte. Die Hausbank und die Industriegruppe (keiretsu) halfen auch, die Unternehmen langfristig zu führen Die Firma ist wie eine „Schicksalsgemeinschaft“. Man nimmt sich genügend Zeit, Dinge abzusprechen und abzustimmen.
Generell funktionierte das „japanische Management“ auch außerhalb von Japan, wenn es Rücksicht auf die lokalen Gegebenheiten nahm. Es wurde jedoch im In- und Ausland problematisch, als der Markt nicht mehr so schnell wuchs.
Ernüchterung
Nach dem Ende der sogenannten Bubble-Wirtschaft veränderte sich die Umwelt: neue Märkte und neue Konkurrenz entstanden, die Rezession dauerte an. Japanische Unternehmen müssen seitdem kostenbewußter denken und neue Produkte schneller auf den Markt bringen, wobei manchmal die Qualität geopfert wird. Man hat nicht mehr so viel Zeit wie früher, um Entscheidungen zu durchdenken und zu besprechen. Mittlerweile fokussieren viele Firmen auf kurzfristigen Gewinn. Es gilt das Leistungsprinzip statt des Senioritätsprinzips. Man muß nun auch mehr als bisher die Aktienpreise berücksichtigen und auf feindliche M&A achten. Langfristige Anstellung existiert zwar noch, doch gilt sie meistens nur für „Eliteangestellte“ der Firma. Die Arbeitslosenrate der jungen Leuten liegt bei 10%. Das Problem der notorisch langen Arbeitszeiten mit unbezahlten Überstunden, das 1993 von der ILO aufgezeigt wurde, ist weiterhin kaum gelöst.
Hoffnung
In Japan halten die ausgezeichneten kleinen und großen Unternehmen mit exzellenten Produkten und Mitarbeitern hohe Weltmarktanteile und sind profitabel. Die Rückbesinnung auf das solide Hauptgeschäft und die Investitionen in innovative Forschung und Entwicklung scheinen das allgemeine Erfolgsrezept zu sein. Wie einige Wirtschaftsexperten in letzter Zeit fordern, sollte man angesichts der schrumpfenden Gesellschaft auf „Wachstum um jeden Preis“ verzichten und stattdessen die Lebensqualität verbessern. Mit dieser neuen Wertvorstellung könnte man eine andere Firmenkultur und neue Unternehmensstrategien entwickeln. Als besonders aussichtsreich gelten der Umwelt- und Freizeitbereich.
Chizuru Sugino, B.A an der Sophia-Universität, Tokyo und MBA (IMD), Lausanne. Nach ihrer Tätigkeit in den Bereichen Unternehmensplanung und Marktforschung bei Siemens, Motorola und am Nomura Research Institute in Japan und Europa forschte sie zwei Jahre an der Universität Mainz (Kulturgeographie). Sie ist Unternehmensberaterin und freiberufliche Schriftstellerin.









