Mittwoch, 8. März 2006, 18:30–20:00 Gesprächskreis: „Was bedeutet Medienkultur in Japan?“

Zu diesem Gesprächskreis sind Katrin Paul, freiberuflich in Japan arbeitende Fotografin und Fumiko Toda, Projektorganisatorin bei BankArt mit Schwerpunkt Performance und Tanz, eingeladen, gemeinsam mit der Moderatorin Yvonne Spielmann (Professorin für Medienwissenschaft, Hochschule für Bildende Künste Braunschweig) unterschiedliche Verständnisse und Positionen in der Auseinandersetzung mit Medien in Deutschland und Japan zu beleuchten. Interessant sind besonders die wechselseitigen Perspektiven. Während die Fotografin aus Deutschland mit ihren Arbeiten in Naha, Okinawa dem Verhältnis von Innen- und Außenraum Ausdruck verleiht und kulturelle Perspektiven von privat und öffentlich thematisiert und besondere Erfahrungen macht, wenn sie ihre Bilder wieder im öffentlichen Raum „ausstellt“, setzt Fumiko Todas Arbeit bei der Initiative eines Kunstzentrums, BankArt, an, welches das Publikum in die Auseinandersetzung mit der Geschichte von Gebäuden im Stadtraum von Yokohama einbezieht. Einen vergleichbaren Ansatz der engen Verbindung von Kunstaktion mit Kulturarbeit hat die Projektorganisatorin auch in Deutschland kennengelernt.

Auf dieser Grundlage interkultureller Erfahrungen befaßt sich der Gesprächskreis mit dem besonderen Stellenwert von Medienkultur in der gegenwärtigen Diskussion. Es scheint, daß in der deutschen Diskussion der Medienbegriff stark ausgeweitet ist und alle Sparten der Kunstproduktion zu erfassen sucht. Möglicherweise ist bei einem engen Nebeneinander von verschiedenen Medien die Diskussion der Trennung nach Genres nicht mehr so interessant und wird abgelöst von Mischformen, die sich dann auch nicht mehr eindeutig als Kunst im engeren oder Kultur im weiteren Sinne bestimmen lassen. Zum einen haben wir also eine Ausweitung der Begriffe und Debatten von Medien in der deutschen Mediendiskussion festzustellen. Hier spielt die Kategorie der „Medienkunst“ vor allem dort eine wichtige Rolle, wo es darum geht, den Einzug der technischen Medien Fotografie, Film, Video und in jüngster Zeit Computer in die Ausbildungssituation, die Produktionsweisen von Künstlern, in die Ausstellungsorte und die Sammlungsbestände zu kennzeichnen. Zum anderen sind Künstler und Projektorganisatoren der Kulturarbeit, die bestimmte Themen und weniger Medienvorgaben im Fokus haben, gehalten, ihre Positionen auf eine allgemeine Medialisierung zu beziehen.

Während nahezu der gesamte Bereich von Medien nach anfänglichen Berührungsängsten mittlerweile in Deutschland in den Produktionsstätten, speziellen Präsentationsorten, Medienkunstfestivals und auch in Galerien und Sammlungen Einzug erhält, ist neuerdings zu beobachten, daß deutsche Medienkünstler mit der Vorstellung nach Japan reisen, hier auf ein größeres Umfeld medialer Anwendungen zu treffen. Bei dieser Begegnung fällt auf, daß – nicht nur im Deutschlandjahr – eine Vielfalt von Medienformaten und Genres in Ausstellungen und Festivals in Japan präsentiert werden, während vergleichbare Positionen japanischer Medienkunst weniger präsent sind.

Es stellt sich die Frage, in welchen Formen und an welchen Produktionsstätten japanische Künstler in und mit Medien arbeiten und welchen Stellenwert die Durchdringung des Alltags mit vielfältigen Technologien mit sich bringt. Es stellt sich schließlich auch die Frage, ob die Kategorie „Medien“ eine relevante Diskussionsgröße darstellt und die Auseinandersetzung mit neuen Technologien anders als in Deutschland verläuft, wenn Künstler weniger ‚Berührungsprobleme‘ mit der Produkt- und Marktorientierung haben. Es wäre auch zu überlegen, wie die Bereiche Kunst und Medien in den japanischen Ausbildungsstätten vorkommen und inwieweit sich diese Kategorien im Ausstellungssektor spiegeln.

Katrin Paul, freie Fotografin in Tokyo. Nach dem Fotografie-Studium an der Fachhochschule Dortmund und dem Diplom in Medienkunst an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe folgte an der Tama Universität, Tokyo 2001 der Master of Arts (MA) und 2004 die Promotion (PhD). Zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen, u.a. in Tokyo, Yokohama, Okinawa, Korea.

Fumiko Toda, Projektorganisatorin und Produktionsleiterin bei BankArt, Yokohama. Nach dem Germanistikstudium (Sophia Universität) und Architekturstudium (Waseda Universität) folgte 2002 der Bachelor of Arts (BA) und ein Studium im Fachbereich Kulturarbeit an der Fachhochschule Potsdam. Organistions- und Programmarbeit bei Tanzfestivals, Workshops und Ausstellungen (auch Fotografie) in Deutschland und Japan.

Yvonne Spielmann, Professorin für Geschichte und Theorie der visuellen Medien an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Studium der Germanistik, Amerikanistik und Philosophie an der Universität Frankfurt. 1997 Habilitation. Wichtigste Buchpublikationen: „Video. Das reflexive Medium“ (Suhrkamp 2005), „Intermedialität. Daßystem Peter Greenaway (Fink 1998) und als Herausgeberin „Bild – Medium – Kunst“ (Fink 1999).