Mittwoch, 26. April 2006, 18:30–20:00 Gesprächskreis Prof. Ryūichirō Usui / Matthias Pfeifer: „Universitätsreformen in Japan, Teil II: Tokyo-Universität und die Präfekturuniversität von Shizuoka“

Die Umwandlung der staatlichen Universitäten in unabhängige Verwaltungs-körperschaften (dokuritsu-hōjinka), die um 1990 unter dem Druck der Reform des Verwaltungs- und Finanzwesens begonnen hat, scheint im Moment nach einer Kette von Reformversuchen, z.B. der außeruniversitären Evaluation, der Erneuerung des Curriculums, der Einführung eines Center of Excellence (COE) usw. langsam zur nächsten Phase überzugehen. Professor Usui möchte über die Erfahrungen, die er auf dem Komaba-Campus der Tokyo-Universität gemacht hat, und die gegenwärtige Lage sprechen und kommt dabei zur einer eher negative Zwischenbilanz.

Diese wird sich im Wesentlichen um die folgenden vier Punkte drehen.
– Die Evaluation bringt nur eine neue Rangordung der Universitäten mit sich.
– Die Verschlechterung der finanziellen Lage hat nun die einseitige Unter- stützung der Naturwissenschaften zur Folge, vor allem aber der Bereiche, die international konkurrenzfähig sind.
– Was wird aus den Humanwissenschaften, denen Konkurrenz wesensfremd ist?
– Die Germanistik war eigenartigerweise in Japan immer eine Art Privatangele-genheit, weil sie vom Staat wohlgeschützt war. Ob die Universitätsreforn Anlaß geben kann zu einer Öffnung der Germanistik hin zur Gesellschaft?

Die unter Präfekturverwaltung stehenden öffentlichen Universitäten sind nicht an die Vorgaben des Bildungsministeriums gebunden und es stünde ihnen prinzipiell zu frei zu entscheiden, ob oder wann sie eine Umwandlung in eine unabhängige Körperschaft vollziehen. Bisher befindet sich das Gros der über 70 öffentlichen Universitäten noch in der Vorphase, in der allerdings weniger das Ob als vielmehr schon das Wie diskutiert wird. So auch in der Universität der Präfektur Shizuoka, in der den beamteten Lehrern keine Möglichkeit gegeben wurde, über Sinn und Notwendigkeit einer Reform an entscheidenden Stellen zu diskutieren und abzustimmen. Eine genaue Analyse des Status Quo von Lehre, Forschung und Finanzen fand und findet in der Öffentlichkeit nicht statt.

Das oberste Gremium der einzelnen Fakultäten, die Fachbereichsversammlung wurde praktisch vom Entscheidungsprozeß ausgeschlossen. Stattdessen kommen von der Führungsebene Vorschläge, die bei genauer Sachkenntnis kaum zu realisieren sind, während im Hintergrund ein Machtkampf zwischen den Fakultäten um die künftige Verteilung von Posten und Geldern stattfindet. Auch hier ist eindeutig ein Trend zur Stärkung der berufs- und industriebezogenen Fachbereiche wie z. B. Pharmazie oder Krankenpflege zu beobachten, während die „brotlosen“ Fachbereiche von Marginalisierung oder Auflösung bedroht sind. Das vorherrschende Prinzip des Marktes wird die Existenz vor allem der kleinen Universitäten bedrohen, die Opfer von Sparmaßnahmen zu Gunsten politisch-wirtschaftlich prestigeträchtiger lokaler Projekte werden. Der Bericht von Matthias Pfeifer gibt einen Einblick in den bisherigen Ablauf der Vorbereitungen für die Reform aus der Sicht eines normalen Fachbereichsmitgliedes.

Prof. Ryūichirō Usui (geb. 1946): Studium der Germanistik an der Tokyo-Kyōiku-Universität (jetzt: Tsukuba-Universität). Lehrstuhl für Moderne Geistesgeschichte und Diskurstheorie an der Fakultät für Sprach- und Informationswissenschaften, Universität Tokyo. Veröffentlichungen zu Carl Schmitt, Ludwig Klages, J. J. Bachofen, Karl Marx, Anna Seghers usw. Daneben auch über kulturgeschichtliche Themen („Kleine Weltgeschichte des Kaffees“ u.a.).

Matthias Pfeifer (geb. 1964): Studium der Germanistik und Japanologie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, Frankfurt. Ab 1994 Deutschlektor im Fachbereich für Allgemeinerziehung, nach dessen Auflösung Dozent im Europäischen Kulturkurs der Fakultät für Internationale Beziehungen. Veröffentlichungen zu japanischer Literatur und Manga.