Mittwoch, 19. April 2006, 18:30–20:00 Prof. Dr. Evelyn Schulz: „Spaziergänge durch Tokyos Hintergassen: Literarische und fotografische Strategien der Dokumentation städtischer Räume“

Im Laufe des 19. und vor allem des 20. Jahrhunderts ist die Stadt weltweit zur dominierenden Organisationsform der modernen Industriegesellschaft geworden. Ungeachtet der Tatsache, daß in Japan sich Anzeichen für einen einsetzenden Wachstumsstillstand, wenn nicht sogar urbanen Schrumpfungsprozeß mehren, steht Japan unverändert an der Spitze der am meisten urbanisierten Staaten: Etwa drei Viertel seiner Bevölkerung leben mittlerweile in Städten. Allein der Großraum Tokyo beherbergt mehr als zwanzig Millionen Menschen.

Insbesondere die Geschichte Tokyos ist von etlichen Katastrophen und Ereignissen geprägt, die neben großflächigen Bauprojekten und Umstruk-turierungen auch Neuinterpretationen der Vergangenheit und intensive Diskussionen um die Zukunft einleiteten: dazu zählen z.B. das Kantō-Erdbeben vom 1. September 1923 und die Zerstörung Tokyos 1944 / 1945. Die jeweiligen Phasen des Wiederaufbaus, aber auch die Bauprojekte zur Vorbereitung der Olympischen Spiele von 1964 und der Bauboom im Zuge der Bubble Economy in den 1980er Jahren trugen nachhaltig dazu bei, daß Tokyo als eine Stadt gilt, deren Bausubstanz alle 20 Jahre erneuert wird und in der kaum Gebäude vergangener Epochen erhalten geblieben sind.

Diese Ereignisse finden Widerhall in einem umfangreichen, sich ständig erweiternden Korpus von Texten der verschiedensten Gattungen – Romane und Erzählungen, autobiographische Aufzeichnungen, Reportagen, kultur- und gesellschaftskritische Essays sowie Stadtführer aller Art. Sehr viele dieser Werke sind als Spaziergang angelegt, in denen der Autor in der Funktion eines Chronisten, Reporters und Ethnologen eine Fußreise durch die Stadt unternimmt, die unterschiedlichsten Orte besucht – historische Stätten, Schau-plätze seines eigenen Lebens, aber auch Friedhöfe, Gasthäuser und Geschäfte – und auf diese Weise Tokyo ungeachtet seiner Ausmaße und Vielschichtigkeit les- und damit verstehbar macht. Auffallend ist dabei, daß der Fokus häufig auf städtische Mikrostrukturen gerichtet ist – kleine Viertel, Seiten- und Hintergassen und deren spezifische Lebensformen.

Diese Art der Stadtbeschreibung bzw. -dokumentation läßt keinen Zweifel daran, daß die Globalisierung weder den Raum noch den Ort überflüssig gemacht hat, sondern daß stattdessen neue Räume und eine Reaktivierung der Bedeutung des Lokalen entstehen. In dem Vortrag soll diese Art der Stadtbeschreibung anhand von repräsentativen Beispielen beleuchtet werden.

Prof. Dr. Evelyn Schulz ist Professorin für Japanologie am Japan-Zentrum der Ludwig-Maximilians-Universität München. Arbeitsschwerpunkte bilden die Literatur und Kultur des modernen Japan. Langjährige Forschungen zum urbanistischen Diskurs in Japan.
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