Vorträge
Mittwoch, 5. April 2006, 18:30–20:00 Lorenz Poggendorf: „Von beseelter Natur zum Funktionsgrün?“ – Japans Grünräume zwischen Tradition und Moderne
Beim Stichwort „Japans Grünräume“ werden unterschiedliche Vorstellungen geweckt. Einen Teilbereich bilden z.B. die mittlerweile weltberühmt gewordenen japanischen Gärten. Entsprechend umfangreich dazu ist die verfügbare Literatur. Dort steht nicht selten geschrieben, wie sehr die Japaner die Natur lieben und daß sie – aufgrund ihres religiösen Hintergrundes – die Natur und sich selbst als eine Einheit betrachten. Doch wer die Gelegenheit hat, selbst nach Japan zu kommen und sich in den baulich hoch verdichteten Städten bewegt, dem wird bald auffallen, daß nicht so viel Grün zu finden ist, und wird sich fragen, wie es denn wirklich mit der viel gepriesenen Naturliebe der Japaner aussieht. Dieser Vortrag will und kann darauf sicherlich keine Antwort geben. Ziel ist aber, die Vielschichtigkeit des Themas „Grünräume in Japan“ aufzuzeigen und eine Diskussion darüber anzuregen, welche Rolle Grün spielt und wie es in Zukunft gestaltet werden kann.
Eine solche Diskussion muß die historische Entwicklung berücksichtigen. Denn nur dadurch kann die gegenwärtige Situation verstanden werden. Von der wald-bedeckten Naturlandschaft einmal abgesehen, bilden die Shinto-Schreine die ältesten Grünräume in Japan. Zu einem erheblichen Teil ist es der Shinto-Religion mit ihrer Naturverehrung zu verdanken, daß Grün in Form alter Bäume oder gar heiliger Haine bis heute geschützt worden ist, teilweise selbst mitten in der Stadt. Aufgrund ihrer historisch und kulturell bedeutsamen Stellung spielen Schreine in diesem Vortrag die Hauptrolle.
Die einzigartige japanische Gartenkunst wird ebenfalls ausführlich behandelt. Den wesentlichsten historischen Einschnitt markiert die Öffnung des Landes (1868). Die Meiji-Regierung setzte alles daran, Japans technischen Rückschritt gegenüber dem Westen binnen weniger Jahrzehnte aufzuholen. Durch die sehr rasche Modernisierung und Industrialisierung wurden viele traditionelle Strukturen zerstört. Gleichzeitig kam es zur Übernahme westlicher Stadtplanung und deren Stadtparks. Nach dem 2. Weltkrieg hatten zudem der Wiederaufbau und die wirtschaftliche Entwicklung höchste Priorität. Bei genauerer Betrachtung wird jedoch deutlich, daß Kopien westlichen Stils sowie der rein funktionale und dekorative Einsatz von Grün nicht unproblematisch sind. Vor dem Hintergrund einer zunehmenden städtischen Überhitzung und einem gestiegenen Umweltbewußtsein orientiert sich die Grünplanung in Japan derzeit neu. Dieser Vortrag versteht sich als Beitrag zur aktuellen Nachhaltigkeitsdiskussion auch im „grünen“ Bereich.
Dipl.-Ing. Lorenz Poggendorf, studierte an der Universität Hannover und der TU Berlin Landschafts- und Freiraumplanung. 2003 Abschluss zum Dipl.-Ing. Landschaftsplanung. Seit 2005 Doktorand an der Tokyo Universität am Institut für forstliche Landschaftsplanung.









