Mittwoch, 29. November 2006, 18:30–20:00 Chindon-ya-Vorführung mit Erläuterungen und Musikbeispielen

Chindon-Nostalgie in Tokyo

Bis die sogenannte „Bubble“ platzte und Rezession dem kometenhaften wirtschaftlichen Aufstieg Japans folgte, bestand große Angst, daß viele Traditionen im Kunsthandwerk und Brauchtum aus Nachwuchsmangel zum Aussterben verurteilt seien. Die Situation hat sich aber inzwischen grundlegend geändert: heute verzichten wieder viele junge Menschen hier auf eine gesicherte „bürgerliche“ Karriere, um alternativ innere Erfüllung zu erlangen. Manchmal werden dabei auch recht ungewöhnliche Wege eingeschlagen.

Ein junger, 29-jähriger japanischer Firmenangestellter, Absolvent der Juristischen Fakultät der Waseda-Universität, sah und hörte vor 12 Jahren eine Chindon-ya-Gruppe und war von dem Erlebnis so hingerissen, daß er sofort beim Boß der Gruppe Mitgliedschaft beantragte. Hartes, traditionell japanisches Training – wie er selbst berichtete – und die immer größere Verantwortung in seinem bürgerlichen Beruf zwangen ihn dann, diesen nach fünf Jahren aufzugeben. Heute ist er selbständig und Boß einer eigenen Gruppe, die sich den Namen „Yamatoyasankyū“ gegeben hat.

Chindon-ya kamen ursprünglich Ende des 19. Jahrhunderts aus Osaka nach Tokyo, um mit auffälliger Musik neue Geschäfte, vor allem deren Eröffnung, anzupreisen. Chindon-ya haben in der „Blütezeit“ ihrer Geschichte (bis in die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts) sich immer bemüht, dem jeweiligen – auch – musikalischen Poptrend entsprechend auffällig zu sein. In ihrer Kostümierung und ihrem musikalischen Repertoire sind sie seit den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine grellbunte Mischung von traditionell Japanischem und Westlichem. Heute haben allerdings weitgehend die modernen Massenmedien den Chindon-ya ihre Arbeit abgenommen. Man trifft sie nur noch selten in den Straßen Tokyos, hauptsächlich bei der Eröffnung von Pachinko-Läden.

Am Abend werden uns drei Teilnehmer des Teams ihre Kunst näherbringen: Nagata Hisashi, der Anführer der Gruppe, Ikeda Shigeru, der „unabdingbare“ Altsaxophon-Spieler (ebenfalls Absolvent im Fach Französische Literatur der Waseda-Universität) und eine Trommlerin. Herr Nagata wird uns zu Beginn in die Geschichte einführen und die Instrumente mit Klangbeispielen erklären. Danach ist ein kurzes Interwiew mit einem neunzigjährigen, immer noch aktiven Chindon-Spieler geplant, der uns aus seiner Geschichte berichten wird. Der Abend wird dann nach einer kurzen Pause in einem Chindon-“Konzert” ausklingen.

Chindon-Nostalgie in Tokyo {7.8.2026}
Chindon-Nostalgie in Tokyo