Mittwoch, 8. November 2006, 18:30–20:00 Hermann Gottschewski: „Modernisierung und Restauration in der Musik der frühen Meiji-Zeit”

Oft wird die neuere japanische Musikgeschichte unter dem Aspekt „Tradition gegen Verwestlichung“ betrachtet. Dabei scheint „Traditionelles“ mit „Eigenem, Japanischem, Altem“ und „Westliches“ mit „Fremdem, Ausländischem, Modernem“ zu kongruieren. Ein Blick auf unsere Zeit zeigt sofort, wie unsinnig eine solche Sichtweise mindestens für die heutige Zeit ist: Die traditionelle japanische Musik ist den Japanern (mit wenigen Ausnahmen) fremder als die westliche, die in Japan gepflegte westliche Musik (jedenfalls im Bereich der so genannten „Klassik“) ist keineswegs modern, sondern entstammt (nach japanischer Zeitrechnung) hauptsächlich der Edo-Zeit, und auch Ausländisches muß nicht immer westlich sein. Zudem ist ein großer Teil der traditionellen Musik und insbesondere der traditionellen japanischen Musikinstrumente ausländischen (nämlich chinesischen oder koreanischen) Ursprungs.

Als die japanische Kultur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die Beendigung der Abschließungspolitik mit der westlichen Kultur konfrontiert wurde, schienen die Fronten noch deutlicher zu verlaufen. Die japanische Bevölkerung war mit wenigen Ausnahmen ohne Kenntnis des Westens aufgewachsen und erlebte nun das Westliche ohne Zweifel als etwas Fremdes, Ausländisches und oft auch als etwas Modernes. Dennoch darf auch in dieser Zeit Modernisierung nicht mit Verwestlichung gleichgesetzt werden, wie in diesem Vortrag an Beispielen aus dem Musikschaffen der Meiji-Zeit gezeigt werden soll.

Dass überhaupt die Musikkultur modernisiert werden müsse, war in der Meiji-Zeit unumstritten und aufgrund der engen Verflechtung der traditionellen japanischen Musik mit dem obsoleten Gesellschaftssystem der vergangenen Epoche auch eine objektive Notwendigkeit. Es gab zwar in der Tat Ideologen, die meinten, die Modernisierung mit der Einführung der westlichen Musik in Japan bewerkstelligen zu können. Aber es war mindestens durch die gesamte Meiji-Zeit hindurch eher eine kleine Gruppe, die diese radikale und eigentlich auch wenig einleuchtende Ansicht vertrat. Der größere Teil der Modernisierungsbestrebungen richtete sich daher entweder auf die Anpassung traditioneller Musik an die neue Epoche, wobei zwar auch westliche Ideen aufgegriffen wurden, aber nicht im Zentrum standen, oder auf die Schaffung von Neuem aus den zahlreich vorhandenen und neu nach Japan hereinströmenden Musikrichtungen, wobei oft der Einfluß der chinesischen Musik stärker als derjenige der westlichen war.

Ein weiterer Ansatz soll in diesem Vortrag thematisiert werden: Die Restauration altjapanischer Musik. Dieser Ansatz war besonders für die Modernisierung der Hofmusik, für die Einführung der Schulmusik bis zur Gründung der Musikakademie Tokyo im Jahre 1887 und für die Entwicklung der shintoistischen Musik von großer Bedeutung. Diese drei Bereiche entwickelten sich in enger Wechselwirkung.

Der Rückgriff auf die altjapanische Tradition bzw. deren Rekonstruktion geschah dabei mit dem Gedanken, eine rein japanische (also von chinesischen und anderen asiatischen ebenso wie von westlichen Einflüssen freie) Musikkultur zu schaffen, die sich von den traditionellen japanischen Künsten insbesondere dadurch abgrenzte, daß sie die gesamte japanische Nation mit allen ihren Regionen und allen Gesellschaftsschichten repräsentieren sollte. Damit bezog sich diese neu zu schaffende „nationale Musik“ klar auf die moderne westliche Idee eines vom Volk getragenen und von ihrem Monarchen repräsentierten Nationalstaates. Auch wenn diese Bestrebungen aus der Sicht der Verwestlicher möglicherweise als reaktionär empfunden wurden, waren sie jedenfalls nicht konservativ, sondern von einer klaren Idee der Modernisierung getragen.

Im Vortrag werden nicht nur zeitgenössische Dokumente zitiert, sondern auch Tondokumente zu Gehör gebracht, an deren Rekonstruktion der Referent mitgewirkt hat.

Prof. Dr. Hermann Gottschewski lehrt Musikwissenschaft an der Universität Tokyo. Der Vortrag stützt sich hauptsächlich auf seine Habilitationsschrift Eine Musikkultur auf dem Scheidewege. Die Hoiku Shōka („Erziehungslieder“, 1877-1883) als restaurativer Gegenentwurf zur Einführung der westlichen Musik in Japan (HU Berlin, 2000) sowie auf neueste Forschungen zur shintoistischen Musik der frühen Meiji-Zeit.