Mittwoch, 12. April 2006, 18:30–20:00 Uwe Makino: „Nanking: Massaker, Incident / jiken, vergessener Holocaust oder Illusion?“

Kaum ein Thema der jüngeren japanischen Geschichte bewegt die Gemüter so sehr wie „Nanking“, obwohl seither fast 70 Jahre vergangen sind. Unumstritten ist lediglich, daß die Stadt am 13. Dezember 1937 von den Kaiserlich Japanischen Truppen nach kurzer Belagerung eingenommen wurde. Ansonsten ist „Nanking“ ein Minenfeld – innenpolitisch wie außenpolitisch. Ein Blick auf die geschätzte Opferzahl mag einen Eindruck vom Diskurs der letzten Jahrzehnte vermitteln: 50 (in Worten: „fünfzig“) wird von japanischen Illusionisten vertreten, 300.000 Opfer verlangt die political correctness mit Blick auf die Volksrepublik China, und selbst „eine Million“ ist schon in die Welt gesetzt worden. Wenn man denn akzeptiert, daß sich in Nanking nach dem Einmarsch der Japaner überhaupt etwas Nennenswertes ereignet hat, kann man sich neben der Opferzahl darüber streiten, wie diese Ereignisse (Massenexekutionen, Plünderung, Brandstiftung, Vergewaltigung, Mord) zu interpretieren seien: Ist die Truppe gewissermaßen „aus der Hand geraten“ oder lassen sich doch systematische Aspekte herausarbeiten, die nicht einfach mit „Disziplinlosigkeit“ oder „battle stress“ zu erklären sind? Die Extrempositionen wären hier zu markieren durch eine von Tokyo gesteuerte genozidale Absicht („Holocaust“-Vergleich) einerseits, oder durch die besonderen Kriegsumstände andererseits, die Disziplinlosigkeiten mit sich brachten und auch die Exekution von chinesischen Kriegsgefangenen verlangten.

Der Vortrag wird militärische Aspekte nicht vernachlässigen. Der japanische Angriff auf Shanghai und der Vormarsch auf Nanking müssen umrissen werden, um den strategischen wie psychologischen Rahmen abzustecken. Das Hauptaugenmerk wird jedoch auf den reichhaltigen Primärquellen der Internationalen Flüchtlingszone liegen, weil diese Briefe, Tagebuch-aufzeichnungen und Memoranden Aufschlüsse sowohl zur Opferzahl als auch zum Charakter der japanischen Verbrechen ermöglichen. John Rabe, Hamburger Kaufmann in Siemens-Diensten, NSDAP-Mitglied und glühender Verehrer des „Führers“, gründete mit amerikanischen Missionaren kurzerhand eine Sicherheitszone inmitten der Stadt, in der zeitweise über 200.000 Menschen lebten; Rabe war in diesen Wochen de facto Bürgermeister von Nanking.

Hinweis zur Präsentation: Der Vortrag wird auf drastische Darstellungen im Bild verzichten.

Uwe Makino kommt ursprünglich von der Literaturwissenschaft und beschäftigt sich seit über 20 Jahren epochen- und disziplinübergreifend mit Verfolgungsthemen und Makroverbrechen: Pogromen, Humanitätsverbrechen, Kriegsverbrechen, Genozid. Publikationen u.a. zur Leugnung von Genozid und zum Nanking-Massaker. Leitmotive, die sich im Zuge dieser Forschungs-bemühungen herausgeschält haben, wären die Beschreibung des Organisations-grades und die Frage nach der Vergleichbarkeit. Seit einigen Jahren vornehmlich über das Mittelalter forschend (Kreuzzüge, Pestzeit). Lebt und lehrt seit 1990 in Japan.

Nanking Massaker
Nanking Massaker