Mittwoch, 1. November 2006, 17:30–20:00 Werner Schaumann: „Anno’s Journey – Ein japanischer Bilderbuchkünstler liest Europa”

In der Provinzstadt Tsuwano wurde Anno Mitsumasa 1926 geboren und träumte von der europäischen Kunst. Nach dem Krieg arbeitete er als Kunsterzieher an der Grundschule, bis er 1961 beschloss, sich ganz der Graphik, dem Illustrieren von Lehrbüchern zu widmen. Eine Europareise, auf der er die Werke M. C. Eschers kennen lernte, gab ihm den Mut, eigenständig zu arbeiten. 1968 erschien sein erstes Bilderbuch, Seltsame Bilder (Fushigi na e). Der befreundete Verleger glaubte nicht, dass sich eine Sammlung von Bildern, die keine Geschichte erzählen, verkaufen ließe. Doch diese von Escher und Magritte beeinflusste, mit Wasserfarben gemalte phantastische Welt begeisterte junge und alte Leser. Schon mit seinem ersten Werk – vor allem, weil es auch im Ausland rezipiert wurde – konnte sich Anno als einer der wichtigsten japanischen Bilderbuchkünstler etablieren.

Anno’s Alphabet (ABC no hon), das 1974 gleichzeitig in Japan und Großbritannien erschien, wurde mit einer Empfehlung des Kate-Greenaway-Preises ausgezeichnet. Das Lehrbuchhafte (Anno war ein guter Lehrer gewesen) eines ABC-Buches, das Kindern die sichere Kenntnis der Schriftzeichen vermitteln soll, durch augentäuschende perspektivische Fallen zu konterkarieren, die durch den Buchstaben vorgegebene ungewöhnliche Zusammenstellung von Dingen und das Verstecken von Bildern in der Randleiste entsprachen Annos Trickster-Temperament. Diesen Wesenszug entschuldigte er dann recht unernst in seiner Fuchsbeichte (Kitsune no zange, 1979).

Für Anno’s Journey (Tabi no ehon, 1977) bekam er 1984 den Hans-Christian-Andersen-Preis, den Nobelpreis der Kinderliteratur. Dabei wendet sich Anno mit seinen Bilderbüchern keineswegs nur oder vorwiegend an ein kindliches Publikum. Bis 2005 malte Anno noch fünf weitere Reisebücher, das letzte, wegen des Andersen-Jahres, über Dänemark. Diese Serie darf man Annos Haupt- und Lebenswerk nennen, denn für ihn ist Leben Reisen. Die Analyse des ersten (nicht nummerierten) Bandes dieser Reisebücher ohne Worte mit seinen intertextuellen Bezügen zu Kunst, Literatur und Gesellschaft ist das Thema dieses Vortrags, in dem Annos Bild Europas für die Japaner deutlich werden soll. Außerdem will ich zeigen, daß das Bilderbuch heute eine ernstzunehmende Kunstgattung geworden ist.

Am Rande sei noch erwähnt, daß Anno Mitsumasa auch Skizzenbücher von seinen Reisen in aller Welt veröffentlicht hat und durch das Schreiben von Essays und Fernsehauftritte vielfältig wirkt. Seine Werke finden sich in allen Bibliotheken und Buchhandlungen, in seiner Heimatstadt ist ihm ein Museum gewidmet.

Anno’s Journey (Tabi no ehon, 1977) {7.8.2026}
Anno’s Journey (Tabi no ehon, 1977)