Mittwoch, 1. Juni 2005, 18:30–20:00 André Hertrich: „Nach dem Krieg ist vor dem Krieg. Die Wiederbewaffnung in der Bundesrepublik Deutschland und Japan nach dem Zweiten Weltkrieg“

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs endete auch die Existenz der Wehrmacht und der Kaiserlichen Armee (Dieser Begriff umfaßt die Kaiserliche Marine wie auch das Kaiserliche Heer.)

Auf Beschluß der alliierten Siegermächte wurden die deutschen wie auch japanischen Streitkräfte demobilisiert, deren Kriegsmaterial vernichtet und Kriegsverbrecherprozesse durchgeführt. Darüber hinaus sollte sichergestellt werden, daß weder Deutschland noch Japan jemals wieder eine Bedrohung für ihre Nachbarn oder den Weltfrieden darstellen würden. Doch mit zunehmendem Ost-Westkonflikt versuchten sowohl die Westmächte wie auch der Ostblock, ihre jeweiligen Einflußsphären zu sichern. So kam es, daß die Besatzungspolitik in Westdeutschland und Japan nicht mehr länger darauf abzielte, Schutz vor sondern Schutz für Deutschland und Japan zu schaffen. Dies bedeutete für beide Staaten, daß sie nun selbständig einen Beitrag zur Verteidigung, die bislang von den Westalliierten gewährleistet wurde, leisten mußten.

In erster Linie war damit die Aufstellung von Streitkräften gemeint. So entstanden wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs in der Bundesrepublik Deutschland und Japan wieder militärische Organisationen – die Bundeswehr und die japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte (jieitai). Bis heute ist die Bundeswehr eine in die NATO integrierte Wehrpflichtigenarmee, während die jieitai eine Freiwilligenarmee ist, die lediglich mit den USA in einem bilateralen Sicherheitssystem verbündet ist. Darüber hinaus steht die jieitai unter einer ungewöhnlich strengen zivilen Kontrolle, sie blieb lange gesellschaftlich isoliert und wegen des Artikels 9 wurde sogar ihre Verfassungsmäßigkeit lange Zeit angezweifelt.

In seinem Vortrag wird André Hertrich den Zeitraum von 1945 bis zur Aufstellung der Streitkräfte in der Bundesrepublik 1955 und in Japan 1954 betrachten und auf verschiedene Aspekte genauer eingehen, um so Parallelentwicklungen herauszuarbeiten. Weiterhin werden Ursachen und Verlauf der Wiederbewaffnung auf politischer Ebene in beiden Staaten beschrieben und miteinander verglichen. Dabei sollen auch die Planungs- und Vorbereitungsphase der Wiederbewaffnung auf der Ebene der Streitkräfte sowie die „Lehren der Vergangenheit“ dargestellt werden, die einen starken Einfluß auf die Gestaltung von jieitai und Bundeswehr hatten und die zu verschiedenen Formen der zivil-militärischen Beziehungen und der Streitkräfte in der Bundesrepublik Deutschland und in Japan führten.

André Hertrich, geboren 1972 in Unterseen (CH), studierte Neuere und neueste Geschichte, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und Japanologie. 1995/96 verbrachte er ein Jahr in Japan und arbeitete u.a. als Deutsch- und Englischlehrer. Nach seinem Abschluß im Juli 2003 arbeitete er als Management Coordinator im Pharmagroßhandelsbereich. Seit September 2004 ist er Stipendiat am Deutschen Institut für Japanstudien in Tokyo und bereitet seine Dissertation über die japanische Wiederbewaffnung vor.