Mittwoch, 2. Februar 2005, 18:30–20:00 Stanca Scholz-Cionca: „Die Geburt einer modernen Kriegsgottheit aus dem Geiste des Nō: Ikusagami, Ein modernes Nō-Spiel zum russisch-japanischen Krieg“

Am 27. März 1904 starb der Schiffskommandant Hirose Takeo, 36 Jahre alt, während der zweiten Blockade von Port Arthur, getroffen von einer russischen Granate. Drei Tage nach seinem Tod heißt es in einem offiziellen Bericht der Marine, daß der Verstorbene von seinen Kameraden „wie ein Kriegsgott“ verehrt wird. Nach einer beispiellosen Kampagne in der Presse, die Hirose zum Mustersoldaten stilisiert, werden seine Überreste am 13. April im Rahmen einer üppig inszenierten Staatszeremonie in Aoyama beigesetzt. Das Shintō daijiten erwähnt Hirose Takeo in einer langen Reihe von Kriegsgott-heiten, die von Takemikazuchi no kami und der legendären Kaiserin Jingū, über die Große Gottheit Hachiman, bis zu Nogi Maresuke reicht.

Am 8. April, noch vor der Beisetzung Hiroses, beginnt Hirota Kagetsu, ein Zeitungsjournalist und Nō-Kritiker aus Osaka, an einem Nō-Spiel über den frisch gekürten Helden zu schreiben. Das Stück erscheint am 1. August in der Zeitung Kyōto hinode shinbun. Aus heutiger Perspektive interessiert an diesem Unterfangen die Relation von Tagesgeschehen und Mythenbildung im Medium des Nō. Denn unbeirrt von der Bilderflut der offiziellen Hagiographie, entwirft der Nō-Autor eine eigenwillige Imago des modernen Soldatenhelden, die sich eindeutig aus dem Motivfundus des Nō speist. Vision und lyrische Verdichtung lenken die Arbeit des Dramatikers.

Daraus ergeben sich Fragen zum Gegenwartsbezug dieser Theatergattung, die auf einer siebenhundert Jahre alten Tradition basiert und sich heute energisch als lebende Kunst behauptet (um ein statistisches Beispiel zu geben: Es gibt zur Zeit über 1500 professionelle Nō-Spieler – Instrumentalisten inbegriffen – gegenüber etwa 380 Kabuki-Spielern).

Stanca Scholz-Cionca, Studium der Anglistik und Romanisktik in Bukarest (Rumänien), Japanologie, Sinologie und Theaterwissenschaft in München. Lehrtätigkeit in München, Berlin, Oslo. Seit 2000 Lehrstuhlinhaberin im Fach Japanologie, Trier. Zur Zeit Forschungsaufenthalt in Tokyo (Waseda), als Fellow der Japan Foundation. Publikationen zur klassischen und modernen japanischen Literatur, Performativität, Komik, Theater. Jüngste Veröffentlichung: Herausgabe, zusammen mit Robert Borgen: Performing Cultures in East Asia: China, Korea, Japan. (Asiatische Studien, Bd. 3, 2004).

Hirose Takeo (Port Arthur)
Hirose Takeo (Port Arthur)