Samstag, 14. Mai 2005, 10:00–20:00 Symposium: „Global Tokyo – Konstruktion einer Metropole zwischen Urbanität und Provinzialität“

Veranstalter: Kolloquium der OAG

Programm
10.00 – 10.05 Uhr Begrüßung durch die Veranstalter
10.05 – 10.20 Uhr Begrüßungsansprache durch Prof. Dr. Florian Coulmas, DIJ: Tokyo, Lebensqualität einst und jetzt

Sektion 1: Politische Netzwerke
Diskussionsleiter: Matthias Pfeifer
10.30 – 11.00 Uhr Dr. Isa Ducke: Globales Medium für lokale Zwecke – Internetnutzung in zivilgesellschaftlichen Organisationen im Großraum Tokyo
11.00 – 11.30 UhrProf. Takeshi Kawasaki: Politik in Tokyo
11.30 – 11.45 Uhr Pause

Sektion 2: Grassroot Movements
Diskussionsleiterin: Elke Hayashi
11.45 – 12.15 Uhr Noriko Kikuma: Landwirtschaft in den 23 Bezirken Tokyo?
12.15 – 12.45 Uhr Nathalie Rudolf-Sedgman: komyunitī zukuri in Tokyo – Gemeindebildung auf neuen Wegen
12.45 – 14.00 Uhr Mittagspause

Sektion 3: Tokyo-Bilder
Diskussionsleiterin: Nathalie Rudolf-Sedgman
14.00 – 14.30 Uhr Matthias Pfeifer: Shitamachi: Konstruktion eines Mythos bei Kafū Nagai und Yū Takita
14.30 – 15.00 Uhr Prof. Dr. Werner Schaumann: Keine Stadt für Kinder? – Tokyo im Bilderbuch
15.00 – 15.15 Uhr Pause

Sektion 4: Stadtlandschaften
Diskussionsleiter: Reinold Ophüls-Kashima
15.15 – 15.45 Uhr Oliver Mayer: Verkehr in Tokyo – Perspektiven für die Zukunft
15.45 – 16.15 Uhr Mathias Hamp: Yokohama und Tsukiji – Prototypen des modernen Tokyos?
16.15 – 16.45 Uhr Prof. Ryōzō Maeda: Tokyo-Surfaces: Urbane Visualität der 1920er und 30er Jahre im medienkulturellen Kontext
16.45 – 17.15 Uhr Pause

Sektion 5: Historische Aspekte
Diskussionsleiter: Prof. Dr. Werner Schaumann
17.15 – 17.45 Uhr Prof. Mario Kumekawa: Tokyo und seine Rolle in der Einführung des modernen Sports in Japan
17.45 – 18.15 Uhr Christian W. Spang: Die Bedeutung Tokyos für die Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde (OAG)
18.15 – 18.20 Uhr Schlußwort durch Prof. Dr. Gerhard Schepers, Vorsitzender der OAG
Ab 19.00 Uhr Gemeinsames Abendessen im OAG Club-Restaurant (Anmeldung erforderlich)

Gäste sind jederzeit herzlich willkommen, ob für das gesamte Symposium oder
für einzelne Sektionen oder Vorträge. Eine Anmeldung (bis zum 11. Mai) ist nur
für das gemeinsame Abendessen notwendig. Bitte sagen Sie uns auch, ob Sie
lieber Fisch oder Schnitzel haben möchten. Das Restaurant bietet folgendes
Menü für 4000 Yen an: Vorspeise: Matjes-Filet mit Salat, Hauptspeise: Wiener Schnitzel oder Fisch mit Brot, Nachspeise: Rotweinkuchen mit Sahne und Kaffee/Tee


ABSTRACTS UND KURZBIOGRAFIEN

Globales Medium für lokale Zwecke.
Internetnutzung in zivilgesellschaftlichen Organisationen im Großraum Tokyo (Isa Ducke)

Internet in der glitzernden High-Tech-Stadt Tokyo – ach, denkt man da, bestimmt wölbt sich eine ganze virtuelle Welt über der Kantō-Ebene. Immerhin liegt die Internetzugangsrate in Japan bei über 60%, und in den U-Bahnen scheinen heute mehr E-Mails verschickt als Zeitungen gelesen zu werden.

Im Alltag des zivilgesellschaftlichen Aktivismus spielt das Internet allerdings keine so große Rolle. Wo es genutzt wird, ist es oft verknüpft mit viel bodenständigeren und lokaleren Aktivitäten, als die globale Natur des Mediums es ermöglicht und erwarten ließe. Obwohl zivilgesellschaftliche Organisationen in Japan – aus verschiedenen Gründen – das Internet selbst für die globale und überregionale Vernetzung vergleichsweise wenig einsetzen, wird es durchaus auch für die Organisation lokal beschränkter Aktivitäten genutzt, bei der die Vorzüge des Internet viel weniger deutlich zu Tage treten. Dabei kommt es auf die Art dieser Aktivitäten und das angesprochene Publikum an, wie neue Technologien eingesetzt werden und was sie bewirken.

Fallbeispiele aus zwei Bereichen sollen das verdeutlichen: Organisationen im Großraum Tokyo, die sich mit der Ausgabe von „Regionalwährungen“ (chiiki tsūka) für die lokale Gemeinschaft einsetzen, und politische Aktivisten, die sich einem bestimmten Thema widmen. In beiden Fällen wird das Internet hauptsächlich als Kommunikationsmittel ähnlich den alten „Minikomi“ benutzt, um lokale und ganz unvirtuelle Offline-Veranstaltungen zu organisieren.

Bei den Regionalwährungen werden neue Technologien meist eher als ergänzende Unterstützung bewährter Offline-Methoden verwendet. Aktivisten dagegen profitieren von der Geschwindigkeit des Mediums und der Möglichkeit, viele Leute gleichzeitig zu erreichen. Für die Organisation kurzfristig geplanter Veranstaltungen werden neue Technologien deshalb selbst bei räumlicher Nähe unabdingbar. Auffällig ist dabei, daß das wichtigste Medium für die Koordination solcher Aktivitäten Mailing-Listen sind, nicht etwa das World Wide Web oder gar mobile Websites.

Dr. Isa Ducke (DIJ) ist Poltikwissenschaftlerin und Japanologin


Landwirtschaft in den 23 Bezirken Tokyos? (Noriko Kikuma)

Dem Stichwort „Landwirtschaft in Tokyo“ begegnet man üblicherweise gar nicht oder zumindest nur sehr selten. Mit Tokyo verbindet wohl fast niemand so eine Erdgeruch verbreitende Assoziation. Allerdings ist bekannt, daß es in West-Tokyo, den sogenannten „Shi-Regionen“, Ackerflächen gibt, und, daß dort sogar noch wirkliche „Dörfer“ liegen. Gibt es dann aber gar keine Spur von Landwirtschaft im Zentrum Tokyos?

Wenn man die landwirtschaftlichen Spuren in den Bezirken Tokyos verfolgt, stößt man auf verschiedene großstadtspezifische Anbauweisen. Einige dienen heutzutage nicht nur einem ökonomischen Ziel, sondern auch der Aufklärung und Ausbildung der dortigen Bevölkerung oder der Gemeindebelebung auf verschiedenen Ebenen. Außerdem spielt die Tendenz zur Ökologie eine große Rolle. Die Bedeutung dieser grünen Flächen als Zufluchtsgelände bei Katastrophen nimmt mit dem stetigen Wachstum der Stadt ebenfalls zu. So beobachten beispielsweise Stadtkinder beim Anbau auf einem Hochhausdach das Wachstum von Gemüse; auf einem Reisfeld im Kaiserpalast arbeitet der Kaiser selbst; und zahlreiche kleine Mietäcker liegen zwischen Hochhäusern verstreut.

Aber in der Geschichte war die Landwirtschaft in Tokyo stets vom Aussterben bedroht. Das Gemüse leidet unter verschiedenen in Ballungsräumen typischen Phänomenen wie z.B. der Störung des Naturrhythmus, notwendig für ein gesundes Pflanzenwachstum. Die Bauern finden immer weniger Nachfolger und es ist tatsächlich sehr schwierig, aus den Betrieben genug Gewinn herausholen. Viele Bauern müssen daher auf andere Tätigkeiten wie Convenience-Store- oder Parkplatzbesitzer umsatteln.

In der Meiji-Zeit wurde auch die Modernisierung der Landwirtschaft mit Hilfe von oyatoi-gaikokujin (Fachleute aus Europa) durchgeführt. Die Labore und Experimentieräcker wurden dabei zuerst in Tokyo angelegt. Zahlreiche bekannte Tokyo-Originalgemüsesorten wie Nerima-Daikon, Kasai-Renkon und Komatsuna sind beliebt und werden auch außerhalb von Tokyo angebaut.

Noriko Kikuma ist tätig bei Unico Co., Ltd, Importeur von deutschen Naturheilmitteln; M.A. in vergleichender Kulturwissenschaft an der Taishō- Universität; 1998 bis 1999 als Austauschprogrammstudentin an der LMU in München.


Nathalie Rudolf-Sedgman: Komyunitī zukuri in Tokyo – Gemeindebildung
auf neuen Wegen

Tokyo, das Extrem einer Großstadt, bietet seinen Bewohnern Anonymität und die Freiheit, von den Nachbarn unbehelligt zu leben. Andererseits bestehen noch traditionelle Gemeindestrukturen in den Stadtvierteln und es finden sich verstärkt Bemühungen, die Gemeinden zu beleben oder neu zu schaffen (komyunitī zukuri).

Das Erdbeben von Kobe hat zu einer positiven Neubewertung von Nachbarschaftsorganisationen geführt, die als erste Helfer entscheidend zur Rettung von Verschütteten beigetragen haben. Ein Bewußtsein dafür, daß Gemeinden – nicht nur in Katastrophenfällen – notwendig sind, ist inzwischen weit verbreitet. Dieses erneute Wertschätzen von aktiven Gemeinden und das Anerkennen ihrer Bedeutung hat zu neuen Wegen der Wiederbelebung von Nachbarschaften und der Bildung von themengebundenen Organisationen geführt. Und so engagieren sich Anwohner, die Stadtverwaltung, Nonprofit-Organisationen (NPOs) und Unternehmen nun zunehmend gemeinsam beim komyunitī zukuri.

Dieser Vortrag versucht, einige Aspekte der Gemeindebildung in Tokyo – insbesondere vor dem Hintergrund einer immer aktiver werdenden Zivilgesellschaft und einer wachsenden Zahl von NPOs – zu beleuchten. Einige grundsätzliche Gedanken darüber, was eine Gemeinde ausmacht, und über den historischen Kontext von Nachbarschaft in Tokyo, werden vorangestellt. Anschließend sollen einige neue Entwicklungen vorgestellt werden. Daßpektrum der involvierten Akteure reicht dabei von traditionellen Organisationen, wie den chōnaikai, über recht junge NPOs, bis hin zu städtischen Freiwilligenzentren. Neue innovative Konzepte wie community business und Gemeindewährungen finden in Japan immer mehr Anhänger. Auf einige Beispiele dieses breit gefächerten Engagements wird dabei näher eingegangen.

Nathalie Rudolf-Sedgman ist Doktorandin an der Universität Hamburg und Research Associate im Research Department der Shibusawa Eiichi Memorial Foundation.


Shitamachi: Konstruktion eines Mythos bei Kafū Nagai und Yū Takita
(Matthias Pfeifer)

Das Haupt- und Meisterwerk von Kafū Nagai, „Romanze östlich des Sumidagawa“ (1937), in dem die Verbindung von der Sehnsucht nach einem vormodernen Tokyo einher geht mit einer Kritik an der Verwestlichung und der Tilgung des alten Edo, hat mit seiner nostalgischen Stimmung den Nerv seiner Zeit getroffen, in der die Unsicherheit gegenüber der eigenen Zukunft vor dem Hintergrund instabiler politischer Verhältnisse und des Chinesisch-Japanischen Krieges eine Hinwendung zu einer vermeinlich besseren Vergangenheit zu Folge hatte.

Da wo Nagais Mythisierung des Tokyoter Slums als Ort der konservierten Edo-Traditon endet, am Einbruch der Alltagsrealität in die Illusion, beginnen die „Seltsamen Geschichten im Terashima-Viertel“ (1976- ) des graphischen Künstlers Yū Takita, der auch schon mit seinem Titel explizit an Nagai anknüpft. Wo Nagai den bewußten Eskapismus eines in die Jahre gekommenen Flaneurs im Freudenviertel pflegt, versteht sich Takita als akribischer Chronist der gelebten Welt seiner Kindheit, die 1945 beim schweren Luftangriff auf Tokyo dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Für Nagai ist das Viertel nur eine von vielen möglichen Projektionsflächen seiner Edo-Nostalgie, ein Ort der ‚Heimatgefühl’-Inszenierung, für Takita dagegen ist es seine physische und einzige Heimat, die für ihn unwiederbringlich verloren ist. Takita kann deshalb nur Kompensationsarbeit leisten, indem er seine Erinnerungen und Nachforschungen so detailgenau wie möglich in Bilder bringt.

Die Heraufbeschwörung einer nostalgischen Stimmung hat Takita mit Nagai gemeinsam, doch wo Nagai willkürlich und subjektiv das Gefühl seiner Jugend auf einen anderen Ort in der Gegenwart projiziert, hat Takita eine fast schon kulturanthropologische Perspektive, da er seine Kindheit aufs Engste mit der ‚typischen’ Shitamachikultur in Verbindung bringt. Er schafft eine Welt für sich, die offensichtlich keine wesentlichen Einflüsse von außen bezieht und den Anschein erweckt, als sei sie schon immer so gewesen.

Durch eine fast konsequent durchgehaltene Beschreibung von Terashima aus der Sicht eines Kindes kommt z. B. die Realität des Viertels als Slum genausowenig zur Sprache wie bei Nagai. Der Verzicht Takitas, sein Wissen als erwachsener Autor in die Geschichten einzubauen, ist ein Verzicht auf eine Perspektive von außen. Durch die als Veralltäglichung eines geschichtlichen Ausnahmezustandes trägt auch Takita zur Mythisierung bei.

Matthias Pfeifer (Universität der Präfektur Shizuoka) ist Japanologe und Literaturwissenschaftler.


Keine Stadt für Kinder? – Tokyo im Bilderbuch (Werner Schaumann)

Für die Kinder der Stadt gibt es die Stadt im Bilderbuch. Den großen Städten dieser Welt wie New York oder Paris begegnet das Kind in bedeutenden Bilderbüchern. Tokyo aber, im Manga sehr präsent, scheint unbedeutend. Ist es zu groß für das Kind? Nicht kinderfreundlich? Langweilig gar?

Obwohl die Frage nach Tokyo-Bilderbüchern Buchhändler eher verwirrt, einige wenige gibt es doch, die Tokyo, häufiger Fragmente Tokyos, zum Thema oder als Schauplatz haben. Sie sind japanischer und auch ausländischer Provenienz. Welche Aspekte Tokyos werden dem Kind gezeigt? Wie kann das Kind mit Tokyo spielen? Trotz der geringen Zahl von Tokyo-Bilderbüchern bleiben vom Versuch, am kindlichen Tokyo-Diskurs teilzunehmen, Spuren der Lektüre, Bedeutungsknoten im Gewebe der Stadt (die nicht als letzte Worte zu Tokyo mißverstanden werden sollten).

Tokyo als Ort des Verlusts: Gefährdung der Stadt (und der Natur); japanische Heimat ist Vergangenheit, oder Exotik für die Anderen.
Tokyo als Ort der Abwesenheit: die leere Weite nach dem Feuersturm; Stadt ohne Wahrzeichen; Kinderspiel und Freiheit im Anderen der Stadt.
Tokyo als Ort des Transitorischen: die Stadt, die nicht verweilt; die Stadt, in der man nicht verweilt; trainspotting.

Nur die „Eisenbahnbilderbücher“ (allgemeiner: norimono ehon) haben einen größeren und beständigen Leserkreis. Deshalb steht in diesem Vortrag nicht der Kaiserpalast, sondern der Bahnhof (im Bilderbuch von Fuyuji Atarashi und Tashiro Sanzen: Boku no Tōkyō eki tanken, 1994) als leeres Zentrum Tokyos.

Dr. Werner Schaumann, langjähriges Mitglied der OAG, ist Japanologe und Professor an der Taishō-Universität.


Verkehr in Tokyo – Perspektiven für die Zukunft (Oliver Mayer)

Japan ist bekannt als Land der Eisenbahnen, und Tokyo gilt weltweit als die Stadt mit den meisten Fahrgästen im öffentlichen Verkehr. Die Metropole Tokyo würde ohne die effizienten S- und U-Bahnen, die jeden Morgen Millionen von Pendlern in die Innenstadt bringen, nicht funktionieren. Das Nahverkehrsnetz wird auch in den kommenden Jahren weiter ausgebaut, um die Fahrzeiten zu verkürzen und die Überlastungen in den Hauptverkehrszeiten zu reduzieren.

Trotz der Dominanz des Bahnverkehrs nimmt der private Autoverkehr jedoch einen immer wichtigeren Platz im Transportwesen Tokyos ein. Daher sinken seit einigen Jahren die Fahrgastzahlen im Eisenbahnbereich leicht und bei Linienbussen sogar sehr deutlich, was wegen geringerer Einnahmen in Zukunft die Qualität des öffentlichen Verkehrs gefährden kann. Dies kann zu gravierenden Änderungen in der Stadtstruktur Tokyos führen.

Die Verkehrspolitik, die über Jahrzehnte nur Infrastrukturpolitik war, also neue Bahnen gebaut hat, hat sich bisher noch nicht ausreichend auf die kommenden Herausforderungen eingestellt. Die veränderten Siedlungsstrukturen und die Überalterung der japanischen Gesellschaft sind weitere Probleme, mit denen sich das Verkehrssystem Tokyos in Zukunft auseinander setzen muß.

Oliver Mayer (Pädagogische Hochschule Aichi) ist Japanologe und forscht zu Verkehrsfragen in Japan, sowie zu DaF und moderner deutscher Literatur.


Yokohama und Tsukiji – Prototypen des modernen Tokyos? Zwei Fremdenviertel in der Meiji-Zeit und ihre Bedeutung für die Rezeption von Architektur und Städtebau aus Europa und Nord-Amerika in Japan
(Mathias Hamp)

Gemessen an dem chaotischen Eindruck, den die meisten Stadtbilder in Japan vermitteln, scheint es erstaunlich, daß die gegenwärtigen Stadtprofile von Tokyo, Ōsaka und anderen wichtigen Metropolen Japans unter einer gezielten städtebaulichen Führung entstanden sind. Tatsächlich geht die erste gesetzliche Städtebauregelung nur auf den Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. Aber schon vor der Einführung urbaner Planungsrichtlinien unterstanden Japans Städte einer Art vormoderner Flächenutzungsplanung. Eine Kategorie dieser ersten Form japanischer Städtebauplanung ist das gaikokujin-kyoryūji oder Fremdenviertel. In der Meiji-Ära – der Höhezeit der Ausländerviertel in Japan – sollen bis zu sieben gaikokujin-kyoryūji bestanden haben. Trotz ihrer kurzen Geschichte sind Tsukiji und Yokohama, die beiden Fremdenviertel der Kansai-Region, für die Einführung abendländischer Architektur und Städtebauplanung von großer Bedeutung gewesen. Von ihnen ausgehend wurde die westliche Architektur und Städtebaukultur in die nächste Umgebung und später in fast alle größeren Städte Japans getragen, wobei ausländische Architekten sowie eine immer stärker vertretene Klasse inländischer Bauherren Japans Stadtbilder grundlegend veränderten.

Der Schwerpunkt des Vortrags wird auf der Entstehungsgeschichte der beiden Viertel liegen. Hierbei soll deutlich werden, welche Wirkung bzw. welchen Einfluß die Ausländerviertel auf die Entwicklung der gegenwärtigen Städtebaukultur in Japan hatten. Neben der Frage, wie sich westliche Architektur von den Ausländervierteln ausgehend in der Kansai-Region und weiter in ganz Japan verbreitete, soll auch die japanische Seite vorgestellt werden, die gezielt westlich geprägte Architektur benutzte, um die Autorität des neu bzw. erneut ausgerufenen imperialen Japans auch architektonisch zu untermauern. Dabei sollen sowohl die zur Anwendung kommenden Bautechniken und Baustile, als auch die städteplanerischen Konzepte und deren Rezeption thematisiert werden. Dieser Vortrag dient der Illustration der Entstehungsgeschichte eines globalen Tokyos, wobei mit verschiedenen Aspekten und Hintergründen auch die eingangs als chaotisch bezeichnete Hybridität des Stadtbildes Tokyos besser verständlich gemacht werden soll.

Mathias Hamp hat an der Ludwig-Maximilians-Universität München Japanologie studiert und ist nun mit seinem Dissertationsvorhaben „Die Fremdenviertel Japans“, das Frau Prof. Dr. Evelyn Schulz (Japan-Zentrum der LMU München) betreut, als Research Student am Department für Architektur
der Universität Tokyo tätig.


Ryōzō Maeda: Tokyo-Surfaces: Urbane Visualität der 1920er und 30er Jahre im medienkulturellen Kontext

Die „beispiellose“ Hochkonjunktur, die Japan dem Ersten Weltkrieg im weit entfernten Europa verdankte, machte Anfang der 20er Jahre aus der Stadt Tokyo eine moderne Großstadt. Die Bevölkerung expandierte in den Jahren 1917–1925, der großen Erdbebenkatastrophe im Jahr 1923 zum Trotz, von drei- auf viereinhalb Millionen, und dabei waren mehr als die Hälfte der Stadtbevölkerung Zuwanderer aus der Provinz. Moderne Betonbauten und Hochhäuser, neue Transport- und Verkehrssysteme (Automobile, U- und Vorstadtbahn) sowie technische Kommunikationssysteme (Telefon, Radio) veränderten die Straßenlandschaft und das Alltagsleben drastisch. Mit seinen neuen Institutionen des modernen Großstadtlebens wie Waren-, Kino- und Kaffeehäusern, Kabarett und Revue wurden in Tokyo jetzt Bedingungen für einen neuen Lebensstil geschaffen, der, wenn auch nur oberflächlich-eklektisch und im Stand der manchmal noch ziemlich primitiven Imitation des westlichen Originals war, schon durch eine moderne Urbanität geprägt. Das neue Tokyo war also eine Metropole der kulturellen Hybride, wo traditonell-japanische und modern-westliche Bau- und Lebensstile in keinem eindeutigen Gegensatz standen, sondern in ein kitschiges Zusammensein montiert waren.

In meinem Referat soll diese Hybride in den folgenden beiden Aspekten aufgegriffen und analysiert werden:

  1. Beschriftete Leinwand und beschriftete Straße – Filmuntertitel, Kanban-Kenchiku und neue urbane Wahrnehmungen;
  2. Berlin-Simulacrum und literarischer Großstadt-Diskurs in Japan

Ryōzō Maeda ist Germanist, Professor an der Rikkyō-Universität und Leiter des Tateshina-Kulturseminars.


Die Bedeutung Tokyos für die Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde (OAG) (Christian W. Spang)

Hinführung: Allein die Tatsache, daß sich der Hauptsitz der OAG seit 1873 unverändert in Tokyo befindet, deutet die enge Verbindung der Gesellschaft mit der japanischen Hauptstadt an. Im Folgenden werden einige Aspekte herausgegriffen, die dies schlaglichtartig beleuchten.

Die Anfänge: Die Etablierung und frühe Entwicklung der OAG war – so wie sie sich tatsächlich ereignete – nur in Tokyo denkbar. Es handelte sich gleichsam um eine Gegengründung zum Club „Germania“ in Yokohama. Daß die wissenschaftliche Tätigkeit der OAG maßgeblich auf der Mitarbeit der im japanischen Staatsdienst bzw. an den Tokyoter Hochschulen tätigen Deutschen beruhte, zeigte sich deutlich als deren Zahl um die Jahrhundertwende stark zurückging.

Die frühen „Wanderjahre“: Zunächst residierte die OAG in einem Tempel (Tenkō-in) in Shiba Kōen. 1878 siedelte sie nach Kanda (Seidō) über, bevor sie 1881-83 vorübergehend auf dem Gelände der deutschen Gesandtschaft unterkam. Von dort zog die OAG auf Vermittlung der japanischen Regierung für zwei Jahre in den Ueno Park (Seikendera 5). Innerhalb von zwölf Jahren hatte die Gesellschaft demnach vier verschiedene Unterkünfte.

Die OAG-Häuser: 1885 bezog man in Kanda erstmals ein eigenes Haus. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges wurde ein altes Gebäude in Hirakawa-chō erstanden. Da der geplante Neubau aus finanziellen Gründen nie realisiert werden konnte, wurde dieses Haus immer wieder aus- und umgebaut, bevor es 1945 schließlich mitsamt dem größten Teil der Bibliothek abbrannte. Nach dem 2. Weltkrieg kaufte die OAG das heutige Grundstück in Akasaka, und baute 1955/56 erstmals selber. Gut 20 Jahre später wurde in Kooperation mit der Bundesrepublik Deutschland auf dem OAG-Grundstück das jetzige Gebäude errichtet.

Die Geburtstage: Die Feiern der „runden“ Jahrestage spiegeln den Zusammenhang zwischen der OAG-Geschichte und Tokyo bzw. den deutsch-japanischen Beziehungen beispielhaft wieder. 1923 war die 50-Jahr-Feier u.a. wegen der Erdbebenkatastrophe verschoben worden. Zehn Jahre später nahmen mehrere Minister und Botschafter ebenso wie S.K.H. Prinz Fushimi an der Festveranstaltung teil. 1943 fand die Feier des 70-jährigen Gründungsjubiläums in der deutschen Botschaft in Gegenwart einiger hochrangiger japanischer Repräsentanten ganz im Zeichen von Hakenkreuz und Dreimächtepakt statt.

Weitere zehn Jahre später war die OAG heimatlos und feierte daher im Tokyo Kaikan. Bei der Eröffnung des „alten“ OAG-Hauses (1956) ebenso wie bei derjenigen des jetzigen Gebäudes (1979) sowie bei den Festveranstaltungen zum 90. und 100. Geburtstag der Gesellschaft verbreitete die Anwesenheit von Prinz Mikasa dann erneut „kaiserlichen“ Glanz.
Fazit: Die OAG-Geschichte ist mit dem Schicksal Tokyos untrennbar
verbunden.

Christian W. Spang ist Historiker, Vorsitzender des Ausschusses für die Geschichte der OAG (GOAG) und zur Zeit an der Sophia-Universität und an der Dokkyō-Universität als Lehrbeauftragter beschäftigt.