OAG – Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (Tokyo)

Mittwoch, 8. Juni 2022, 18:30-20:00 UhrKerstin Potter und Prof. Dr. Christian W. Spang: „Werner und Wiltrud Preibisch in Yamaguchi, 1936-1945“

Bei den im Rahmen dieses Doppel-Vortrages vorzustellenden Personen handelt es sich um den – gemäß den Nürnberger Rassegesetzen (1935) – „halbjüdischen“ Kōtōgakkō-Lehrer Dr. Werner Preibisch (1897-1945) und dessen „vierteljüdische“ Nichte Wiltrud Preibisch (1918-2010), die 1937 nach Japan übersiedelte. Was diesen Fall (bzw. diese Fälle) so interessant macht, ist der Umstand, dass Wiltrud Preibisch Tagebücher hinterlassen hat, in denen sie ihren Alltag in Yamaguchi, ihre Kontakte und Reisen, sowie ihre Korrespondenz beschreibt.

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Wiltrud und Werner Preibisch in Yamaguchi

Werner und Wiltrud Preibisch betrachteten sich weder als Juden noch als Flüchtlinge und wurden von ihrer unmittelbaren Umgebung in Yamaguchi, im Südwesten der japanischen Hauptinsel Honshū, auch nicht als solche angesehen. Dennoch verfolgten beide sehr genau, was den Juden in Europa (und in Japan) widerfuhr. Trotz ihrer teilweise jüdischen Abstammung wurden beide Preibischs von den Nazis in Japan kaum aktiv bedrängt, was wohl zum einen an der großen Entfernung zwischen Yamaguchi und den Zentren des NS-Einflusses in Japan, nämlich Tokyo-Yokohama bzw. Osaka-Kobe-Kyoto lag und zum anderen daran, dass Werner Preibisch Weltkriegsveteran (Oberleutnant a.D.) war. Er konnte daher von 1936 bis 1945 weitgehend unbehelligt in Yamaguchi unterrichten. Unabhängig von ihrer (vergleichsweise) guten Situation waren Werner Preibisch und seine Nichte allerdings in ständiger Alarmbereitschaft.

3. Tagebuecher ausgebreitet
Die Tagebücher-Sammlung

Unter ihren Bekannten in Japan waren neben einigen sehr aufgeschlossenen Japanern (Nachbarn, Kollegen, Schüler), viele Ausländer, darunter Amerikaner, Engländer, Australier etc. auf der einen und einige Deutsche auf der anderen Seite. Unter den Deutschen, mit denen Werner und Wiltrud Preibisch verkehrten, waren sowohl von den Nazis Ausgegrenzte (wie z.B. der 1933 als Halb-Japaner in Berlin entlassene Otto Urhan), wie auch NSDAP-Mitglieder wie der Kōtōgakkō-Lehrer Dr. Erwin Schreiber (Saga), mit dem Werner Preibisch immer wieder in Streit geriet. Um keinerlei Anlass zu Repressalien von Seiten der deutschen Behörden in Tokyo zu bieten, enthielten sich beide Preibischs öffentlicher politischer Äußerungen oder Aktivitäten. Dies änderte jedoch nichts daran, dass beide von der japanischen Polizei überwacht wurden.

In dem Vortrag werden Werner und Wiltrud Preibisch und ihre Kontakte in Japan vorgestellt und analysiert. Außerdem wird kurz auf die geplante Edition der Tagebücher eingegangen, die erst nach dem Tod von Wiltrud Potter (geb. Preibisch) von ihrer Tochter entdeckt wurden.

4. Tagebuch 1937
Eng-beschriebene 1937 Tagebuch-Seiten (mit Fingerspitzen zum Größenvergleich)
5. J-D Kulturinstitut 1943
Jap-Dt Kulturinstitut Tagebuch 1943 mit Propaganda
6. Tagebuch 1944 ausgestrichen
Tagebuch 1944 mit spärlichen und ausgestrichenen Einträgen, salopper Schrift

Christian W. Spang, studierte Anglistik und Geschichte in Erlangen, Freiburg und am Trinity College Dublin. Promotion über Karl Haushofer und Japan (2009). Seit 1998 in Tokyo, zunächst als Doktorand, später als Lehrbeauftragter. 2009-12 Associate Professor an der Tsukuba Universität. Anschließend Wechsel an die Daitō Bunka Universität (Tokyo), wo er seit 2016 als Professor lehrt. 2018/19 war er Gastprofessor an der Universität Erlangen.

Kerstin Potter wurde 1947 in Tokyo als Tochter von Wiltrud Preibisch und George Potter, die sich bereits 1940 in Fukuoka kennengelernt hatten, geboren. Studium der Erziehungswissenschaften in Freiburg und München, dann Master-Studiengang in Ergotherapie in Boston. Nach etwa 15 Jahren klinischer Arbeit arbeitete Kerstin Potter 20 Jahre als Professorin für Ergotherapie am Harcum College, Bryn Mawr, PA, USA.
Zu den Tagebüchern ist bereits ein kurzer Artikel erschienen: „Vivis Japan-Tagebücher von 1937 bis 1940“, StuDeO-Info (Studienwerk Deutsches Leben in Ostasien), Dezember 2021, Seite 27-33.

Bericht von Wiltrud Preibisch über den Atombombenabwurf über Hiroshima und das Kriegsende im „Global Network, The National Peace Memorial Halls for the Atomic Bomb Victims in Hiroshima and Nagasaki“.
Bericht (Englisch)
Bericht (Deutsch)
Bericht (Japanisch)