OAG – Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (Tokyo)

Mittwoch, 26. Februar 2020, 18:30-20:00 UhrProf. em. Dr. Reinhard Drifte: „Das Südchinesische Meer als neuer Brennpunkt in den japanisch-chinesischen Beziehungen“

Während das Territorialproblem um die Senkaku-Inseln (Diaoyu für die chinesische Regierung) und die ungelöste Seegrenze im Ostchinesischen Meer jedem inzwischen bekannt geworden ist, entzieht sich dem allgemeinen Beobachter der Zusammenhang zwischen diesen Problemen und dem ebenfalls allseits bekannten Territorial- und Seegrenzendisputen im Südchinesischen Meer für das japanisch-chinesische Verhältnis. Dabei ist die japanische Position zu den Territorial- und Seegrenzendisputen im Südchinesischen Meer nicht nur für Japans Sicherheitspolitik gegenüber China bedeutsam – besonders auch hinsichtlich der Probleme im Ostchinesischen Meer -, sondern auch für den japanisch-amerikanischen Sicherheitsvertrag mit seiner Sicherheitsgarantie für Japan als auch für die sich verändernde Sicherheitsarchitektur in Südostasien als Teil der globalen chinesisch-amerikanischen Rivalität. Bisher war Japan in Südostasien hauptsächtlich als wirtschaftlicher Akteur bekannt, aber vor diesem neuen strategischen Hintergrund gerät die japanische Regierung immer stärker unter Druck, sich auch militärisch mehr zu engagieren, motiviert durch eigene politische, bündnispolitische und wirtschaftliche Interessen.

Der Vortrag versucht darzustellen, warum die geostrategische Lage im Südchinesischen Meer nun mit der im Ostchinesischen Meer verbunden ist, und wie die japanische Regierung versucht, darauf zu reagieren, ohne noch mehr innenpolitische Probleme um die Verfassung (Artikel 9!) zu provozieren und Spannungen mit China zu verschlimmern. Ein besonderer, bisher vollkommen vernachlässigter Punkt in der Diskussion ist Japans energiepolitische Involvierung in der Ausbeutung von Ől- und Gasvorkommen im Südchinesischem Meer und wie es dadurch chinesischen Repressalien ausgesetzt werden könnte. Die gegenwärtige Schönwetterlage in den japanisch-chinesischen Beziehungen sollte uns nicht über diese latenten Gefahren hinwegtäuschen.

Reinhard Drifte ist Professor Emeritus der Newcastle Universitȁt in England und Associate Fellow des Institute for Security and Development Studies (ISDP) in Stockholm. Seit seiner Emeritierung nimmt er jȁhrliche Gastprofessuren in Japan wahr. Sein Forschungsgebiet sind Japans internationale Beziehungen, mit Schwerpunkt auf verschiedene Aspekte der japanisch-chinesischen Beziehungen, u.a. Territorial- und Grenzkonflikte im Ostchinesischem Meer, Japans Politik gegenüber dem Südchinesischem Meer und der politische Einfluss der wachsenden chinesischen Prȁsenz in Japan. Buchpublikationen u. a. Japan`s security relations with China since 1989 (Routledge 2002), Japan’s quest for a permanent Security Council seat. A matter of pride or justice? (Macmillan 1999) and Japan’s foreign policy in the 1990s. From economic superpower to what power? (Macmillan 1996).
Homepage: http://www.rfwdrifte.ukgo.com