OAG – Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (Tokyo)

Mittwoch, 5. Februar 2020, 18:30-20:00 UhrOlympische Reihe, Teil 2. Dr. Hanno Jentzsch: „Sanya 2020 – Tokyos Tagelöhnerviertel vor den Olympischen Spielen“

Sanya ist der inoffizielle Name eines Stadtviertels beiderseits der Grenze zwischen Taitō-ku und Arakawa-ku im Norden Tokyos. Der Ort hat eine bewegte Geschichte als eines der drei großen Tagelöhner-Quartiere (doya-gai, ドヤ街) in Japan. In der Nachkriegszeit wurde Sanya das Zuhause von Tausenden von zumeist männlichen Arbeitern, die sich auf dem offenen Tagelöhner-Arbeitsmarkt für kurzfristige Verdienstmöglichkeiten anwerben ließen und in großer Enge und oft über viele Jahre in einer der vielen billigen Herbergen (doya) vor Ort lebten. Die Zahl der Tagelöhner erreichte ihren Höhepunkt rund um die Olympischen Spiele 1964. Sanyas Arbeiter spielten eine wichtige, wenn auch meist übersehene Rolle für den Bau der olympischen Stätten und der aufstrebenden Metropole Tokyo insgesamt. Sanya selber erwarb sich indes den Ruf eines rauhen, von mafiösen Strukturen geprägten und nicht zuletzt politisch explosiven Ortes.

Sanya Foto Jentzsch.cut
jun560©CC BY-NC-ND 2.0

Auch zu den Olympischen Spielen 2020 wird Sanya wieder einen Beitrag leisten – allerdings in anderer Form. Während die Zahl der aktiven Tagelöhner seit den 1980er Jahren stetig abgenommen hat, ist Sanya nach und nach zu einem erschwinglichen und verkehrsgünstigen Ziel für japanische Reisende und Rucksacktouristen aus aller Welt geworden. Die anstehenden Olympischen Spiele werden diese Entwicklung weiter antreiben. Unterdessen ist die doya-gai allerdings nicht einfach verschwunden. Nach wie vor leben etwa 4.000 (ehemalige) Tagelöhner in den mehr als 200 verbleibenden Herbergen. Die meisten Bewohner sind im stark fortgeschrittenen Alter und empfangen staatliche Unterstützung. Sanyas Vergangenheit bestimmt also nach wie vor den Alltag im Viertel, das auch durch Stigmatisierung, Armut, Obdachlosigkeit und Alkoholismus geprägt ist. Der Vortrag zeichnet Sanyas Verwandlung zwischen den beiden Olymischen Spielen in Tokyo nach und diskutiert die komplizierte Gemengelage von Interessen und Konflikten, die diese Verwandlung prägen.

Hanno Jentzsch ist Sozialwissenschaftler und seit Oktober 2016 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Japanforschung in Tokyo. Den Doktorgrad erwarb er im Rahmen des DFG-Graduiertenkollegs „Risk and East Asia“ an der Universität Duisburg-Essen. Seine Forschungsthemen umfassen die Rolle des Agrarsektors im japanischen Kapitalismusmodell, Stadt-Land-Beziehungen, Wohlfartsregime und Theorien institutionellen Wandels.

Informationen zum Buch-Projekt des DIJ (Japan throug the lens of the Tokyo Olympics) finden Sie hier:
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