Vorträge
Mittwoch, 16. September 2026, 18:30–20:00 Philippe Bürgin: „Bühne, Blick und Zensur: Foucault in Japan“
Der Vorhang öffnet sich im Jahr 1978 in Tokyo für ein Gespräch zwischen dem französischen Philosophen Michel Foucault und dem japanischen Theaterwissenschaftler Watanabe Moriaki. Dieses Gespräch, das unter dem Titel Die Bühne der Philosophie veröffentlicht ist, findet im Zuge von Foucaults zweitem Japan-Besuch statt. Gegenstand der Diskussion ist die philosophische Frage danach, wodurch sich eine Bühne definiert. Die Bühne ist zunächst ein leerer Raum, der danach verlangt, gefüllt zu werden. Was auf der Bühne ausgetragen wird, das wird gerade dafür zur Schau gestellt, um Blicke anzuziehen und Aufmerksamkeit zu erregen.


Indem Foucault und Watanabe mit dem Gedanken einer „Bühne der Philosophie“ experimentieren, fällt ihnen eine Spannung ins Auge: Die Philosophie beschäftigt sich mit der Frage, was real ist und was nicht, doch die Bühne ist ein Ort, an dem diese Frage in den Hintergrund tritt. Eine Bühne funktioniert nur dann, wenn die Unterscheidung zwischen dem Realen und dem Imaginären zugunsten einer anderen Art der Wahrnehmung und Sinnstiftung aus dem Blick gerät. Die beiden Gesprächspartner scheinen sich der Tatsache bewusst gewesen zu sein, dass sie genau in diesem Moment auf besagter Bühne einen Diskurs eröffnen: Darin geht es um die Rolle des aufgeklärten Subjekts auf der Bühne, um die Blicke, die auf diese Bühne gerichtet sind und auch um die Zensur, die diese Blicke lenkt oder sogar vereitelt.


Foucaults Japanbesuch im April 1978 erfolgte auf Einladung der französischen Botschaft, die dem französischen Intellektuellen nicht nur Einblicke in die japanische Universitäts- und Publikationslandschaft ermöglichte, sondern ebenfalls ins Justizvollzugswesen, in Psychiatrien und buddhistische Tempel.
Diese Begegnungen vollziehen sich zu einer Zeit, als sich Foucaults Interesse zunehmend den Fragen nach Wissens- und Machtverhältnissen zuwendet: Welche Rolle kann ein Körper als Zentrum von Machtinteressen, etwa auf der Bühne, einnehmen? Wie konstituieren sich diese Interessen gerade durch Blicke als Formen von Wissens- und Machtausübung? Und wie verändern sich durch Zensur – durch Verbergen, Verwischen oder Vorenthalten – die Bedingungen dessen, was überhaupt gesagt oder getan werden darf? Diesen Fragen anhand von Foucaults und Watanabes Austausch schlaglichtartig auf den Grund zu gehen, das ist die Absicht dieses Vortrags.
Philippe Bürgin studierte Philosophie und Anglistik an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg sowie anschließend praxisorientierte Kulturphilosophie an den Universitäten Stuttgart und Paris 8 Vincennes-Saint-Denis. Seit 2022 ist er Doktorand im Bereich Ästhetik an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Das Hauptaugenmerk seiner Forschung liegt auf den Schnittstellen der kantischen Ästhetik des Erhabenen mit Liminalitätserfahrungen in japanischen Kunstformen.











