Mittwoch, 4. November 2026, 18:30–20:00 Lutz Walter und Jonas Rüegg: „Die Entdeckung der Bonin-Inseln (Ogasawara guntō) auf japanischen und europäischen Landkarten“

„Ehe wir diese allgemeine geographische Nachrichten schließen, müssen wir noch zweier Inseln erwähnen, die von Osju Ost- und Nordwestwärts etwa 150 Meilen entfernt sind, aber doch, wie die Japaner behaupten, zu ihrem Reiche gehören. Sie habn sehr schöne Namen; die kleinste, nördlichste und also entfernteste heißt Ginsima, d. i. Silberinsel; die nähere Kinsima, d. i. Goldinsel. Die Beschaffenheit und Lage dieser Eylande wird vor den Ausländern sehr verborgen gehalten, und dies umso mehr, weil die viel versprechenden Namen schon lange die Lust einer genauern Bekantschaft bei den Europäern erzeugt haben. Der König von Spanien ließ sie schon 1620 durch einen erfahrenen Schiffer aufsuchen, der sie aber, weil ihm die Lage nicht genau bekannt war nicht finden konnte …
Im Jahre 1675 entdeckten die Japaner eine große Insel, durch eine von ihrer Insel Fatsisjo mit Sturm dahin verschlagenen Barke. … Man hat auf derselben keine Menschen aber einen guten Boden, Bäche, fruchtbare Bäume … angetroffen … Man gab dieser Insel den Namen Bunesima, und legte ihr, weil sie unbewohnt ist, den Charakter (das Schriftzeichen) einer Insel ohne Menschen bei.“

Engelbert Kaempfer, der sich im Dienste der VOC (Niederländische Ostindien-Kompanie) ab September 1690 für gut zwei Jahre in Japan aufhielt, beschreibt hier in seinem posthum 1728 zunächst in englischer Übersetzung und erst 1770 auf Deutsch erschienen Werk Das heutige Japan die Entdeckung der Bonin-Inseln im Jahr 1670 durch japanische Schiffbrüchige, die mit einer Ladung Orangen von Miyazaki nach Edo unterwegs gewesen waren. Ihr Bericht an die zuständigen Behörden hatte ungeachtet der offiziellen Politik der Landesabschließung (sakoku) die Ausrichtung einer Expedition zur Erkundung des neu entdeckten Archipels zur Folge, unter dem Kommando von Shimaya Ichizaemon, einem Kapitän, der noch vor dem Erlass der Sakoku-Verbote Erfahrung auf hoher See gesammelt hatte.

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Manuskriptkarte der Bonin-Inseln von Shimaya Ichizaemon, Sammlung Jonas Rüegg

Nach seiner Rückkehr musste Shimaya jedoch feststellen, dass seitens der Shogunatsregierung kein weiteres Interesse an der Erschließung der Bonin-Inseln bestand. Das mag auch daran gelegen haben, daß er zwar verschiedene Hölzer, Muscheln, Mineralien und lebende Vögel mitgebracht hatte, um den Reichtum der Inseln an Rohstoffen zu demonstrieren, aber weder Gold noch Silber.

Abraham Ortelius Maris Pacifici 1589
Abraham Ortelius 1589, Maris Pacifici

Noch vor den japanischen Schiffbrüchigen hatten spanische Seefahrer bei dem letztlich wegen der Unkenntnis widriger Winde (Nordwestpassat) erfolglosen Versuch, Neu-Spanien von den Philippinen aus zu erreichen, einige der Bonin-Inseln gesichtet, wovon Kaempfer ebenfalls berichtet, allerdings ohne sie betreten zu haben. Am 25. September 1543 sichtete Bernardo de la Torre (gest. 1545) mit seiner Mannschaft auf der „San Juan de Letrán“ eine kleine Insel, die sie wegen hoch aufschäumender Wogen „Mal abrigo“ (schlechter Ankerplatz) bzw. „Aprioocchio“ (Augen offen halten!) nannte. Im weiteren Verlauf nördlich der „Ladrones“ (die Marianen, entdeckt 1521 von Magellan) sahen sie zwei Inseln, die sie „Las dos hermanas“ (die zwei Schwestern) nannten. Einen Vulkan, der an drei Stellen eruptierte, nannten sie „Balcones“ (Bolcanes = Vulkane). Am 2. Oktober sichteten sie „Forfana“ (huérfana = das Waisenkind). Eine spanische Bezeichnung für die Bonin-Inseln insgesamt, „Islas de Arzobispo“, geht ebenfalls auf Bernardo de la Torre zurück.

Wohl nicht zuletzt, weil manche dieser Entdeckungen zu wichtigen Fixpunkten auf dem Seeweg nach Japan wurden, fanden sich deren Benennungen durch die spanischen Seefahrer in variierenden Schreibweisen zunächst auf portugiesischen Portolankarten und bereits im 16. Jahrhundert auf zahlreichen gedruckten Welt- und Asienkarten wieder, wo sie auch noch im 19. Jahrhundert auftreten.

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van Langren 1596, ostorientierte Karte Asiens

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts lebte das Interesse an den Bonin-Inseln auch in Japan wieder auf. Zwischen 1719 und 1722 befahl Shōgun Yoshimune, eine erneute Expedition auszurichten, was letztlich jedoch erfolglos blieb, weil Japan infolge der Sakoku-Politik nicht mehr über die für die Hochseeschiffahrt notwendige Expertise verfügte.

Mit der Behauptung, sein Vorfahr Ogasawara Sadayori habe zwischen 1593 und 1626 dort gelebt, erhob der herrenlose Samurai Ogasawara Chōkei 1702 Anspruch auf die Inseln, die seinem Vorfahr von keinem geringeren als Tokugawa Ieyasu zugesprochen worden seien. 1728 wiederholte Sadatoris Sohn Ogasawara Sadatō diesen Anspruch und brach schließlich mit Genehmigung eines Beamten in Osaka dorthin auf, obwohl auch sein Antrag zurückgewiesen worden war. Tragischerweise kehrte er von dieser Expedition nicht zurück, und die Familie wurde mit dem Entzug ihres Status als Samurai für seine Unbotmäßigkeit bestraft. In einer tragisch-ironischen Wendung berief sich die Meiji-Regierung auf die angebliche Inbesitzname durch die Ogasawara im 16. Jahrhundert, als sie die Inselgruppe 1876 als japanisches Territorium beanspruchte und das Archipel offiziell in „Ogasawara Guntō“ umbenannte.

Mit der Veröffentlichung seiner geopolitischen Studie „Sankoku Tsūran Zusetsu“ (Überblick über drei Königreiche) im Jahr 1786 zielte deren Autor Hayashi Shihei auf eine Neubewertung bzw Neuausrichtung der zentristischen Abschließungspolitik Japans ab. Die Besiedlung und wirtschaftliche Entwicklung der bisher menschenleeren Inseln, „bunin shima“, mit ihrem milden Klima und ihren zahlreichen natürlichen Häfen würde nicht nur die nationale Sicherheit stärken, sondern auch volkswirtschaftlichen Zwecken dienen. Auf keinen Fall dürfe dieser Außenposten im Südosten in fremde Hände fallen. Visualisiert wurden Hayashis Thesen durch Landkarten von Ezo (Hokkaidō, Kamchatka und Sakhalin), Korea, Ryūkyū (Taiwan) und den Bonin-Inseln, sowie einer Gesamtkarte, die Japan nicht als Anhängsel des Asiatischen Kontinents zeigt, sondern im Zentrum eines das Kernreich schützend umgebenden Archipels.

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Hayashi Shihei 1786, Sankoku Tsūran kōchi rotei zenzu

Vermutlich hätte es all dieser Argumente gar nicht bedurft, um das 1792 erlassene Verkaufsverbot des fertigen Werks sowie die Einziehung und Vernichtung der unverkauften Exemplare und der Druckplatten zu bewirken. Allein schon die Tatsache, dass Fragen von derartiger sicherheitspolitischer Bedeutung unter Missachtung erst kürzlich erlassener einschlägiger Zensurbestimmungen in aller Öffentlichkeit zur Diskussion gestellt wurden, hätte genügend Anlass dafür geboten. Allerdings haben die Maßnahmen die Verbreitung des Werks nicht mehr verhindern können, da sich bereits zuviele Exemplare im Umlauf befanden, von denen wegen des starken Publikumsinteresses auch zahlreiche manuelle Kopien kursierten.

Hayashi Shihei Muninjima 1786
Hayashi Shihei 1786, Muninjima

Ein Exemplar der gedruckten Ausgabe gelangte mit Isaac Titsingh (1745–1812) nach Paris, der den Text ins Französische übersetzte. Beides, Original und Übersetzung, erwarb nach Titsinghs Tod Jean-Pierre Abel-Rémusat. Dieser veröffentlichte im Juli 1817 im Journal des Savants eine gekürzte Fassung des Texts über die Bonin-Inseln, der er eine von ihm selbst verfertigte Karte der „Isles Bo-nin“ beifügte.*

*Wir danken Dr. Thomas Tabery und Dr. Wolfgang Schmitt-Garibian, beide Bayerische Staatsbibliothek, München, für die Auffindung und der Staatsbibliothek zu Berlin für die Überlassung des Scans dieser Karte.

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Abel-Rémusat 1817, Carte des Isles Bo-nin

Ein Nachdruck erschien 1842. Inzwischen war die Originalausgabe nach Abel-Rémusats Tod in die Hände von Julius Klaproth gelangt, der 1832 im Auftrag des Oriental Translation Fund of Great Britain and Ireland eine französischsprachige Ausgabe edierte, der farbgetreue Reproduktionen aller fünf Karten des Originals beigegeben wurden.

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Klaproth 1832, Mouninsima ou Ogasawara sima

Frederick William Beechey, Kapitän der H.M.S. Blossom, führte eine Übersetzung von Hayashis Programmschrift mit sich, als er im Zuge seines Auftrags zur Exploration der Inseln im Südpazifik im Juni 1827 die Bonin-Inseln erreichte, und lieferte gleichzitig den lebendigen Beweis für die Berechtigung von Hayashis Sorge vor der Bedrohung japanischer territorialer Ansprüche auf die Bonin-Inseln durch fremde Mächte. Vor Verlassen der Bonins, nachdem er Teile des Archipels kartiert hatte, befestigte er an einem Baum ein mit einer Kupferplatte beschlagenes Brett mit der eingravierten Aufschrift:

HBM Ship Blossom Capt F. W. Beechy took possession of this Group of Islands
in the Name and on the behalf of His Britannic Majesty George the IV on the 14th June 1827.

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Beechey 1827, Port Lloyd

Infolge der Entdeckungsreisen Cooks entwickelte sich zwischen den seefahrenden Nationen ein Wettlauf um die Entdeckung der Inseln im Pazifik mit Protagonisten wie de La Perouse, Broughton und Krusenstern, die ebenfalls kartografisch Zeugnis von den Bonin-Inseln ablegten.

Als möglicher Siedlungsort war ihnen lange kaum Aufmerksamkeit geschenkt worden. Als erste zeigten im 19. Jahrhundert Walfänger Interesse an der Möglichkeit, dort ihre Vorräte an Trinkwasser und anderen Nahrungsmittel zu ergänzen, und gelegentlich blieben einzelne Besatzungsmitglieder zurück und lebten für einige Zeit auf den Inseln. Zu einer dauerhaften Besiedlung kam es jedoch erst, als Richard Carlton, der erste britische Konsul auf den Sandwich-Inseln (Hawai’i) eine Gruppe von ca. 30 bis 40 Kolonisten auf Chichijima ansiedelte, darunter fünf Männer aus vier verschiedenen Ländern, der Rest Männer, Frauen und Kinder aus Hawai’i.

Obgleich das Territorium von Beechey für die Krone in Besitz genommen worden war, erhielt die kleine Kolonie keinerlei offizielle Anerkennung oder Unterstützung und blieb weitgehend auf sich selbst gestellt. Schnell wurde sie zu einem beliebten Geschäftspartner der Walfänger. Die Bedeutung der Inseln für deren Versorgung erkannte auch Perry, der zu diesem Zweck auf Peel’s Island (Chichijima) sogar ein Grundstück erwarb.

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Perry 1856, Chart of the Bonin Group

Vor dem Hintergrund unterschiedlicher Herkunft der Insulaner entwickelte sich eine einzigartige hybride Kultur mit einer eigenen englisch-basierten Kreolsprache. Im Zuge der Meiji-Restauration gliederte das Kaiserreich Japan das Archipel 1876 in sein Hoheitsgebiet ein. Die westlich-polynesischen „Ureinwohner“ wurden japanische Staatsbürger, während gleichzeitig eine starke japanische Zuwanderung einsetzte. Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Inseln evakuiert und später heftig umkämpft. Von 1945 bis 1968 standen sie unter US-amerikanischer Militärverwaltung, bevor sie an Japan zurückgegeben wurden.

Heute wohnen etwa 3.000 Menschen auf den Inseln. Sie sind also nicht mehr „bunin“ bzw. „mujin“, aber dennoch bei weitem nicht so überlaufen, wie manche anderen Gegenden unseres Gastlandes. Mit ca. 73 Quadratkilometern machen sie nur einen winzigen Bruchteil der Gesamtfläche Japans aus (etwa 0,028 Prozent) und üben dennoch eine starke Faszination aus. Nicht zuletzt mag dies damit zusammenhängen, dass sie nach wie vor schwer zu erreichen sind. Historische Landkarten erlauben uns eine Zeitreise entlang ihrer Entdeckungsgeschichte.

Der Vortrag beruht im Wesentlichen auf der Monographie von Jonas Rüegg The Kuroshio Frontier, Empire and Environment in the Making of Japan’s Pacific, Cambridge University Press, 2025. Die Geschichte der Entdeckung und Entwicklung der Bonin-Inseln wird anhand des verfügbaren Kartenmaterials von Lutz Walter vorgetragen und erläutert. Jonas Rüegg nimmt per Zoom teil und steht für Fragen bzw. Ergänzungen zur Verfügung.

Lutz Walter, juristische Ausbildung in Berlin, München (2. Staatsexamen 1974) und Kyoto (LL.M. 1979). Von 1984 bis 2007 Tätigkeit für ein deutsches Industrieunternehmen in Tokyo. In dieser Zeit Mitarbeit in den Gremien der OAG, zunächst im damaligen Wissenschaftlichen Ausschuss, dem heutigen Publikationsausschuss, später in verschiedenen Funktionen im Vorstand. 1993 aus Anlass des 120jährigen Gründungsjubiläums Gestaltung einer Ausstellung zur Kartographiegeschichte Japans, die in Tokyo, Kobe und Nagasaki, sowie in Berlin und schließlich in New York gezeigt und jeweils von einem Katalog in Japanisch bzw. Deutsch und Englisch begleitet wurde. Lebt seit 2007 etwa hälftig in Kyoto und München.

Jonas Rüegg unterrichtet Geschichte Japans, des Pazifiks und Globalgeschiche an der Universität Zürich. Nach mehrjährigen Forschungsaufenthalten in Japan und Taiwan hat er sein Doktorat in History and East Asian Languages 2022 an der Harvard University erworben. 2025 erschien von seine Monographie The Kuroshio Frontier, Empire and Environment in the Making of Japan’s Pacificbei Cambridge University Press. https://jonasruegg.com/

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