Vorträge
Mittwoch, 3. Juni 2026, 18:30–20:00 Clemens Schlüter: „40 Jahre Jizō-World. Ein Bodhisattva in Kunst, Kult und Kommerz“
Im ostasiatischen Buddhismus werden neben dem historischen Buddha Shākyamuni weitere Buddhas und Gottheiten verehrt. Eine besondere Bedeutung kommt dabei Bodhisattvas zu, Heilsgestalten, „deren Wesen Erleuchtung ist“. Ein Bodhisattva (jap. bosatsu) steht in der religiösen Hierarchie auf der Vorstufe zur Buddhawerdung, dem endgültigen Ziel eines jeden Gläubigen. Aus Mitgefühl mit der leidenden Kreatur verzichten Bodhisattvas auf diesen letzten Schritt, um den Menschen in vielfältigen Nöten beizustehen.

Der Bodhisattva Jizō ist eine der populärsten Gestalten des buddhistischen Pantheon in Japan. Keine andere Figur ist in der japanischen Volksseele so verwurzelt. Der kleine, kahlköpfige Wandermönch mit dem Rasselstab galt schon immer als Helfer und Seelentröster. Besonders in der kalten Leistungsgesellschaft von heute dient der Jizō als Projektionsfigur für Barmherzigkeit und Geborgenheit.

Ob als Tempelstatue am Wegesrand oder als Spardose, ob als Plüschheiliger, Werbecomic oder gar als Phallussymbol, – der Jizō ist überall. Mehr als unser Schokoladen-Nikolaus und alle christlichen Fürbittheiligen zusammen vereint er Hoffnungen und Wünsche der Kinder und Erwachsenen in sich. Märchen beschäftigen sich genauso mit ihm wie alte und moderne Kunstwerke – auch außerhalb der religiösen Sphäre.
Die Kommerzialisierung des Jizō treibt seltsame Blüten. Sein Aktionsradius jedoch weitet und wandelt sich mit den Veränderungen des modernen Lebens. Dabei sind Comics und Nippesfiguren nie verlogener Kitsch. Sie bedeuten oft das Gleiche wie die Erscheinungsformen auf sakraler oder rein künstlerischer Ebene.

Der Jizō wird u.a. geschätzt als Seelenbegleiter zwischen den sechs Weltebenen, als Beschützer der Reisenden und ganz besonders als Schutzgottheit für die Kinder, sei es im Diesseits oder im Jenseits.
Der Jizō ist kein nach seinem Tode heiliggesprochener Mensch. Er ist eher als die Verkörperung einer philosophischen Idee zu sehen. Dennoch bezeichnen wir ihn als ‚Heiligen‘. Damit möchten wir die Allround-Heilsgestalt dem von einem christlichen Umfeld geprägten Betrachter näher bringen.
Was die Menschen in Japan, die sich an ihn wenden, von Jizō erbitten und erhoffen, ist nichts anderes als das, was von christlichen Heiligen erwartet wird: Hilfe zu vermitteln oder zu gewähren bei alledem, was Menschen aus eigener Kraft nicht zu schaffen vermögen. Es gibt kaum einen Tempel, gleich welcher Denomination, in dem nicht wenigstens eine Statue des Jizō zu finden ist. Zur Verehrung bestreichen Gläubige ihn auch schon mal mit Misopaste oder bestreuen ihn mit Salz. Er darf auch beim Ersteigen der Karriereleiter helfen oder Autofahrer vor Unfällen schützen.

In seinem Vortrag wird der Japanologe Clemens Schlüter die Bedeutung und Erscheinungsformen des Bodhisattva Jizō ausführlich vorstellen und Einblicke in seine umfangreiche Sammlung geben.
Clemens Schlüter, Jahrgang 1955, studierte zunächst in Italien Theologie und Soziologie, bevor er sich dann in Köln und Bonn der Japanologie widmete, ergänzt durch Vergleichende Religionswissenschaften und Orientalische Kunstgeschichte. Es folgten zwei Jahre in Japan, davon eins als Austauschstipendiat an der Sophia-Universität/Tokyo.
Zurück in Köln wurde er Zeuge einer sensationellen Entdeckung im Museum für Ostasiatische Kunst: Eine bis dahin eher als unscheinbar eingestufte hölzerne Skulptur des Bodhisattva Jizō entpuppte sich als Erstlingswerk des Kōen-Daibusshi aus dem Jahre 1249. Für die nachfolgende Sonderausstellung über die Seele des Jizō leistete er photographische Beiträge über den Glauben an den Bodhisattva heute. Konsequent verfolgte er dann in seiner Magisterarbeit die Geschichte des Jizō von den Anfängen in Indien bis zu seiner Funktion als Schutzpatron der Kinder im gegenwärtigen Japan. Schon früh führte ihn seine Faszination für die vielfältigen Erscheinungsformen des Jizō zu einer regen Sammeltätigkeit. Heute umfasst die Sammlung der Familie Schlüter rund 1.700 Objekte, jetzt jedoch mehrheitlich bestehend aus Werken von Kunstschaffenden.
SOMMERZEIT!!
Zeit: 18.30-20.00 Uhr (Japan), 11.30-13.00 Uhr (MESZ)
Zoom-Link: https://us02web.zoom.us/j/87132162530?pwd=yqtROd7xjssToyhVTAJH9YogjbVT57.1
Meeting ID: 871 3216 2530
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