Vorträge
Mittwoch, 9. Mai 2007, 18:30–20:00 Dr. Stefan Mäder: „Nichts als reines Eisen – Zur Technik- und Geistesgeschichte des japanischen Schwertes“
Kaum einer historischen Waffe eilt ein so legendärer Ruf voraus, wie dem japanischen Schwert. Der ausführlich bebilderte Vortrag soll einen ersten Überblick über die verschiedenen Bedeutungsebenen des Schwertes in Japan vermitteln. Die Bedeutung des Katana / 刀 erschöpft sich keineswegs in seinem primären Verwendungszweck als Waffe, sondern erstreckt sich über seinen Wert als historisches Dokument, als Symbol des Kriegerstandes und als Ausdruck vorindustrieller Hochtechnologie bis hin zur gegenwärtigen Würdigung als Kunstwerk. Auch das Fortbestehen von alten Stilrichtungen der Fechtkunst und deren weitgehende Vereinheitlichung im modernen Kendō und Iaidō verdienen Beachtung. Das Einzigartige an der Schwertkultur in Japan ist, daß sie in verschiedenen Facetten seit über 1000 Jahren bis heute fortbesteht. Wie bis ins 20. Jahrhundert hinein in Europa der Fall, erfordert die Herstellung eines japanischen Schwertes die Anstrengungen mehrerer Handwerkszweige: die Eisenhütte liefert das Ausgangsmaterial, den „Juwelenstahl“ (Tamahagane, 玉鋼), der Schwertschmied schmiedet und härtet die anschließend nur grob vorzuschleifende Klinge. Dann übernimmt der Polierer die weitere Oberflächenbearbeitung und gibt die Klinge zum Scheidenmacher. Außerdem sind für ein hochwertiges Schwert noch die Arbeiten des Habaki-Machers (wird erklärt) und des Goldschmiedes unabdingbar notwendig. Auch das Stichblatt, Tsuba/鍔, wurde und wird zumeist von einem spezialisierten Handwerker hergestellt. Demzufolge sind sieben spezialisierte Handwerke mit der Herstellung hochwertiger japanischer Schwerter befaßt. In diesem Zusammenhang kann auch erstmals die weitreichende Arbeitsteilung innerhalb des deutschen Klingenhandwerks vom späten Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert aufgezeigt werden.
Die Zuordnung und Begutachtung von historischen Schwertklingen (Kantei/鑑定) repräsentiert in Japan einen eigenständigen Zweig der Kunstwissenschaft, der noch dazu als ein ausgereifter Vorläufer der naturwissenschaftlichen Metallographie zu werten ist. Zum besseren Verständnis der Vorgänge bei der traditionellen Herstellung japanischer (und europäischer) Schwerter trägt ein kurzes Video von einem Verhüttungsgang ebenso bei wie persönliche Erfahrungen des Vortragenden auf dem Gebiet der internationalen Schwertforschung. Ein weiterer Schwer(t)punkt des Vortrags liegt im anschaulichen Aufzeigen der Bedeutung von Schliff und Politur für das Erscheinungsbild und die Wertschätzung erstklassiger Schwertklingen in Japan und Europa. Durch eine international angelegte Vorgehensweise wird deutlich, daß das Schwert nicht nur in Japan als „die Seele des Kriegers“ verstanden worden ist.
In dieser Hinsicht erweist sich ein Rundblick auf die Ideale – nicht auf die Auswüchse – des Kriegertums der Samurai und des europäischen Rittertums als aufschlußreich. Beide Erscheinungen sollten nicht als untergegangene Geisteshaltungen abgetan, sondern – so unbequem und unmaßgeblich das auf den ersten Blick auch scheinen mag – auf ihre Relevanz für Fragestellungen der Gegenwart hin überprüft werden. Zu diesem höheren Zweck eröffnet das Studium der kulturgeschichtlichen Rolle des Schwertes in Ost und West einen bedenkenswerten Zugang.
Dr. Stefan Mäder, geb. 1968, studierte 1990 bis 1996 frühgeschichtliche Archäologie, Keltologie und Mediävistik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i.Brsg und am University College Galway, Irland. Nach seiner Promotion 2001 an der Humboldt Universität Berlin über „Stähle, Steine und Schlangen – zur kulturgeschichtlichen Einordnung dreier Schwertklingen aus dem alemannischen Siedlungsraum.“ schloß sich ein sechsmonatiges Post-Doc-Stipendium des DAAD für Japan an. Neben mehreren Aufenthalten in Japan nahm er ein Jahr lang Schwertpolierunterricht bei Sasaki Takushi in Misato, Saitama. 2006 hielt er sich zu einem neunmonatigen Forschungs- und Lehraufenthalt an der Kokugakuin Universität in Tokyo auf. Von April 2007 bis April 2008 wird er als Associate Professor an der Tokyo University of Fine Arts and Music lehren.






