Vorträge
Mittwoch, 2. November 2005, 18:30–20:00 Werner Schaumann: „Buddhistische Bilderbücher – ein unbekanntes Genre der japanischen Literatur“
In den Kinderabteilungen japanischer Buchhandlungen findet man als Bilderbücher und Comics die köstlichen Geschichten über den großen Zen-Mönch Ikkyū, der schon als Zögling mit Klugheit und Witz so manches Problem löste. Bekannte Bilderbuchkünstler haben sich der alten Märchen und Legenden angenommen, die in Japan natürlich auch buddhistische Elemente enthalten. Ein schönes Beispiel ist Kasajizō, die Geschichte eines armen Mannes, dessen Hilfsbereitschaft und Güte von den Jizō belohnt wird; Akaba Suekichi wie auch Anno Mitsumasa haben sie gestaltet. Doch als religiös werden diese Bilderbücher kaum wahrgenommen. Selbst ein Bilderbuch, das die traditionellen Höllenbilder (jigoku-e) widergibt, dient so eher zum Gruseln als der religiosen Unterweisung.
Seit der Heian-Zeit werden Roll- und Hängebilder benutzt, um den Buddhismus zu erklären (etoki), doch die modernen buddhistischen Bilderbücher entstanden als Gegenreaktion auf die christliche Mission, deren Anregungen man aufgriff. Das erste mir bisher bekannt gewordene Bilderbuch ist 1930 erschienen und hat ein populäres etoki-Thema aufgegriffen, die rührende Geschichte des jungen Ishidōmaru, der seinem Vater Karukaya bis auf den Kōya-san folgte und schließlich neben ihm Mönch werden durfte.
Heute gibt es eine große Zahl buddhistischer Bilderbücher, die man aber in Spezialbuchhandlungen suchen muss, wo Priester sie für ihre Kindergärten oder zur Verteilung bei Festen einkaufen. Sie werden von den verschiedenen Sekten oder für diese publiziert. Besonders aktiv ist die Jōdoshinshū-Sekte, der auch der bedeutende Kinderbuchautor Hanaoka Daigaku (1909-88) angehörte.
Typisch für die buddhistischen Bilderbücher Japans ist die große Bedeutung der Sektengründer, die schon den Kindern vertraut gemacht werden soll. Natürlich gibt es auch Bücher über Buddha selbst und die schon aus Indien überlieferten Lehrgeschichten. Die Qualität dieser Bilderbücher ist unterschiedlich: Die meisten sind (nicht unähnlich den christlichen Kinderbüchern) künstlerisch und literarisch unbefriedigend, doch gibt es auch durchaus gelungene Werke.
In diesem Vortrag möchte ich einige buddhistische Bilderbucher genauer lesen und analysieren, dabei gleichzeitig ein (mein) neues Feld der Forschung vorstellen.
Werner Schaumann ist langjähriges OAG-Mitglied und lehrt an der buddhistischen Taishō-Universität in Tokyo Vergleichende Kulturwissenschaft. Zuletzt sprach er in der OAG beim Tokyo-Symposium am 14. Mai 2005 über Tokyo in Bilderbüchern.








