OAG – Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (Tokyo)

Mittwoch, 3. November 2021, 18:30-20:00 UhrUwe Makino: „Kolonialpolitik oder Koalition der Vernunft? Zu den Pockenimpfungen an den Ainu (Hokkaidō 1857/58)“

Im Sommer 1857 bewegen sich kleine Karawanen an den Küsten Hokkaidōs und sie werden auch Sachalin und Kunashiri aufsuchen. Bis zu 6.000 Ainu werden 1857/58 gegen die Pocken „vakziniert“. Es handelt sich hier um die ersten offiziell durchgeführten Massenimpfungen in Japan. Warum kamen die Ainu im hohen Norden in den Genuss dieser Impfungen, warum nicht die Japaner auf Honshū und vor allem im politischen Zentrum Edo?

Pockenimpfung
Hirasawa Byōzan: Impfung der Ainu, 1859 Quelle: Shinmyō 2011

Der Vortrag skizziert die Geschichte der Pocken in Japan und stellt die verschiedenen Formen der Impfung vor (Variolation und Vakzination), zeigt aber auch die schamanistische Medizin der Ainu. Die Impfpraxis war geprägt durch den Konflikt zwischen der bestenfalls gleichgültigen Tokugawa-Regierung und den Bemühungen von japanischen Ärzten, die aus dem Umfeld der rangaku kamen, also durch holländische (bzw. deutsche) Ärzte in Dejima (Nagasaki) ausgebildet wurden. 1857 laufen diese Konfliktlinien zusammen in der Impfkampagne auf Hokkaidō. Im Nachspiel werden ab 1860 auch in Edo die ersten offiziellen Impfungen durchgeführt.

Neben den Textquellen sind es Ainu-Bilder und ukiyoe-Drucke, die uns ein Bild von den Impfungen verschaffen, wobei uns die Frage nach dem dokumentarischen Wert beschäftigen soll. Abschließend möchte ich die beteiligten Personen als eine „Koalition der Vernunft“ würdigen.
Leseliste 1857 Pockenimpfung auf Hokkaidō

pockenmerkblatt_cut
„Japanisches Pockenmerkblatt“
Quelle: Institut für die Geschichte der Medizin, Leipzig (online). Ein bosatsu (Bodhisattva) vertreibt den Dämon der Pocken mit einer Lanze und rettet ein Kind. Der Text wirbt für die Impfung mit Kuhpocken („Vakzination“) und erklärt die Entwicklung des Impfstoffs. Druck in hoher Auflage, um 1850?

Uwe Makino lebt seit 1990 in Japan und lehrt Deutsch als Fremdsprache an der Chūō-Universität (Tokyo). Publikationen u.a. zu Kriegsverbrechen (Nanking) und zu den Ainu (2015). 2016 war er zu Gast an der University of Victoria (British Columbia) und forschte zu den kanadischen Ureinwohnern. Neuerdings arbeitet er zur Vorgeschichte der Ainu auf Hokkaidō.