Vorträge
Mittwoch, 4. April 2007, 18:30–20:00 Peter Hediger: “Aspekte der chinesischen Sicherheitspolitik”
China nimmt aufgrund seiner geographischen Ausdehnung, der Größe seiner Bevölkerung und seiner rasanten wirtschaftlichen Entwicklung im asiatisch-pazifischen Raum eine unübersehbare Stellung ein. Aus dem Altertum abgeleitet, aber bis auf den heutigen Tag ungebrochen gültig, beschreibt die Maxime: „Den Staat bereichern und die Streitkräfte stärken“ (富国強兵) das politische Selbstverständnis Chinas. Vor allem der zweite Teil, auf den der Vortrag sich konzentriert, ruft unter Chinas Nachbarn gelegentlich eine Verunsicherung und Beunruhigung hervor.
Anhand von ausgewählten Einzelbeispielen zur Definierung und Bewältigung von sicherheitspolitischen Problemen im Altertum wird versucht, aus chinesischer Sicht die Aktualität althergebrachter grundsätzlicher Denk- und Verhaltensmuster aufzuzeigen. Auf die Gegenwart bezogen, wird der Wandel der chinesischen Volksbefreiungsarmee von der bäuerlichen Partisanenarmee zur Nuklearstreitmacht angesprochen. Parallel dazu haben auf der ideologischen Ebene große Veränderungsprozesse stattgefunden: Es wird versucht, den komplexen Weg darzustellen, den China zurückgelegt hat vom Prozeß der Machtergreifung durch die Kommunistische Partei über den Höhepunkt des Kalten Krieges in Asien mit der Vorstellung der „Unvermeidbarkeit des Krieges“ bis hin zur zunehmenden Integration in die Völkergemeinschaft mit der wachsend sich abzeichnenden Bereitschaft zu Beteiligungen an multilateralen Dialogen und international abgestützten, friedenserhaltenden Operationen. Dazu werden chinesische Zielsetzungen in den einzelnen Zeitabschnitten vorgestellt. Um diese verständlicher zu machen, werden Feindbilder und Bedrohungspotentiale aus chinesischer Sicht aufgelistet.
Es wird außerdem die Rede sein von den Mitteln (Personalbestände, Ausrüstung), welche China für Verteidigungsaufgaben zur Verfügung stehen. Schließlich werden noch die Doktrinen diskutiert, mit denen die angestrebten Zielsetzungen im Verteidigungs- und Sicherheitsbereich in die Praxis umgesetzt werden sollen. Unter den militärischen Führern stehen sich Anhänger eines traditionellen Volkskrieges und Befürworter einer Hightech-Aufrüstung gegenüber. Das Verschwinden der klassischen Feindbilder erschwert die Formulierung einer Militärdoktrin. Im Kräftevergleich mit dem Westen ist China sich seiner Schwächen bewußt und sucht nach alternativen Möglichkeiten der Kriegsführung. Fehlende materielle Ressourcen haben dem Land Konzessionen im eigenen Rüstungsprogramm aufgezwungen. Zur Gewährleistung des wirtschaftlichen Aufbaus und der Beibehaltung der gesellschaftlichen Stabilität ist China auf ein friedliches Umfeld angewiesen. Es ist deshalb gegenwärtig eher unwahrscheinlich, daß China einen größeren Krieg anzetteln wird. Allerdings wird China ebenso wenig dulden, daß fremde Großmächte sich in seinem strategischen Umfeld einnisten.
Peter Hediger, geb. 1947 in Basel, Schweiz. Sinologe, Milizoffizier im Grad eines Oberst in der Schweizer Armee. 1981 MA in altchinesischer Geschichte an der National Taiwan University in Taipei. 1982-83 Verbindungsoffizier der Schweizer Delegation in der Neutral Nations Supervisory Commission for the Armistice in Korea, Panmunjom. 1986 Eintritt ins Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (Schweizer Verteidigungsministerium). 1988 Diplom des “International Training Course, Geneva Centre for Security Policy”. 1999 Verteidigungsattaché an der Schweizer Botschaft in Beijing mit Seitenakkreditierungen in der D.P.R.K., Mongolei und Singapur. Seit Dez. 2003 Verteidigungsattaché in Tokyo mit Seitenakkreditierungen in Indonesien, Republik Korea und Thailand.







