Vorträge
Mittwoch, 2. Dezember 2026, 18:30–20:00 Prof. Dr. Reinhard Zöllner: „Sklaverei in Korea – eine lange Geschichte“
Wer an Sklaverei denkt, hat meist die antike Mittelmeerwelt oder den transatlantischen Sklavenhandel vor Augen. Weit weniger bekannt ist, dass auch die koreanische Geschichte über viele Jahrhunderte von Sklaverei geprägt war. Von den frühen koreanischen Reichen bis weit in das 19. Jahrhundert hinein gehörten unfreie Menschen zur gesellschaftlichen Wirklichkeit. Sklaven bildeten einen erheblichen Teil der Bevölkerung. Sie arbeiteten für den Staat, für Institutionen und vor allem für private Haushalte; sie konnten vererbt, verschenkt und verkauft werden.
Doch was bedeutete es eigentlich, im vormodernen Korea Sklave zu sein? Der koreanische Begriff nobi bezeichnete Menschen, deren Unfreiheit rechtlich festgeschrieben und erblich war. Ihre Lebensverhältnisse konnten sich dennoch erheblich unterscheiden. Manche lebten unmittelbar im Haushalt ihrer Herren, andere führten einen eigenen Haushalt, bewirtschafteten Land und entrichteten Abgaben. Sklaverei war deshalb nicht einfach eine Form erzwungener Arbeit, sondern zugleich Bestandteil einer Gesellschaftsordnung, in der Herkunft, Status, Familie und persönliche Abhängigkeit eng miteinander verbunden waren. Gerade die Geschichte asiatischer Formen von Sklaverei stellt damit auch die Frage, wie weit unser vor allem von der europäischen und amerikanischen Geschichte geprägter Begriff der Sklaverei trägt – eine Frage, die inzwischen auch die internationale Forschung zu Sklaverei und asymmetrischer Abhängigkeit beschäftigt.

Der Vortrag verfolgt diese Geschichte über einen Zeitraum von rund 1.500 Jahren. Im Mittelpunkt steht jedoch nicht nur das System, sondern auch das Leben der Menschen darin. Tagebücher und andere Quellen aus Koreas Früher Neuezeit lassen erkennen, dass Sklaven keineswegs bloß passive Objekte ihrer Herren waren. Sie handelten mit Waren, verwalteten Besitz, führten Aufträge aus, flohen, wechselten ihre Namen oder verschwanden aus dem Zugriff ihrer Eigentümer. Selbst unter Bedingungen extremer Abhängigkeit blieben ihnen Handlungsmöglichkeiten – ein Gesichtspunkt, der auch für die neuere Sklavereiforschung von zentraler Bedeutung ist.

Eine entscheidende Zäsur bildeten die japanischen Invasionen Koreas am Ende des 16. Jahrhunderts. Krieg, Flucht, Hunger und die Auflösung lokaler Ordnungen erschütterten auch das System der Sklaverei. Gerade persönliche Aufzeichnungen aus diesen Jahren zeigen eindringlich, wie Herren versuchten, ihre geflohenen Sklaven wiederzufinden und ihre Ansprüche auf Menschen und deren Arbeitskraft aufrechtzuerhalten. Zugleich eröffneten Krisen neue Möglichkeiten, sich diesen Ansprüchen zu entziehen.
Warum konnte sich die Sklaverei in Korea dennoch so lange behaupten? Warum geriet sie schließlich in eine Krise, und weshalb wurde sie erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts endgültig abgeschafft? Anhand konkreter Lebensgeschichten und Quellen führt der Vortrag in eine wenig bekannte Seite der koreanischen Geschichte ein – und zugleich in die grundsätzliche Frage, wie Menschen über Jahrhunderte hinweg über andere Menschen verfügen konnten und wie die Betroffenen innerhalb dieser Ordnung zu leben, zu handeln und ihr bisweilen zu entkommen versuchten.

Prof. Dr. Reinhard Zöllner, geb. 1961, leitet die Abteilung für Japanologie und Koreanistik an der Universität Bonn. Sein Forschungsschwerpunkt sind die frühneuzeitliche und neuzeitliche Geschichte Japans und Ostasiens und die japanisch-koreanischen Beziehungen.
Zum kostenlosen Download:
Slavery and Servile Societies in Korean History: The Hidden Background of Modern Korea. De Gruyter, Berlin/New York 2025.










