Mittwoch, 30. November 2005, 18:30–20:00 Dr. Annette Schad-Seifert: „Japans kinderlose Gesellschaft – Debatte und Hintergründe“

Die Bevölkerungsfrage ist in Japan eine gesellschaftlich heftig diskutierte Frage geworden, für die keine rasche politische Lösung bereit steht. Der Fall der Geburtenrate und die extreme Überalterung beeinflussen zahlreiche gesellschaftliche Bereiche. Vorrangig in den Debatten ist die Sorge über die sozialen Sicherungssysteme, die angesichts eines überproportional wachsenden Anteils von älteren Personen nicht mehr finanziell tragfähig bleiben können. Japan steht mit seinem Problem der niedrigen Fruchtbarkeitsrate und hohen Überalterung nicht allein, sondern teilt seine schwierige Lage mit anderen Industrieländern, die in ähnlicher Weise ihre Bevölkerungsbalance in Richtung einer kritischen Überlast unterstützungspflichtiger älterer Personen verschieben sehen.

Schon seit längerem ist ein Trend beobachtbar, daß das traditionelle Modell der Familie mit lebenslanger Bindung an einen festen Partner an Attraktivität verloren hat. Der damit verbundene Strukturwandel familiärer Beziehungen, der Anstieg an Singles und deren verlängerter Verbleib im elterlichen Haushalt, Aufschub der Heirat und „späte Elternschaft“ oder gänzlicher Verzicht auf Kinder gelten als die hauptsächlichen Verursacher des demographischen Wandels und der damit verbundenen sozialen und ökonomischen Probleme.

Die Erforschung der strukturellen und individuellen Ursachen dieser Entwicklung ist aus soziologischer Sicht deshalb interessant, weil die Frage gestellt werden muß, ob Modernisierungsentwicklung generell für alle Industriegesellschaften mit ähnlichen demografischen Folgewirkungen in Richtung einer nachlassenden Bereitschaft zu Familiengründung und Kindergeburten führt. Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive ist zu fragen, ob hinter einer äußerlich ähnlich scheinenden parallelen Entwicklung nicht bedeutende strukturelle und vor allem kulturelle Unterschiede zu finden sind.

Dr. Annette Schad-Seifert: Studium in Japanologie, Religionswissenschaft, Philosophie und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Freien Universität Berlin und Keiō-Universität. Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ostasiatischen Seminar der Freien Universität Berlin und wissenschaftliche Assistentin am Ostasiatischen Institut der Universität Leipzig. Seit März 2005 wissenschaftliche Mitarbeiterin am DIJ im Forschungsschwerpunkt „Herausforderung des demographischen Wandels“.