OAG – Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (Tokyo)

Mittwoch, 30. Januar 2019, 18:30-20:00 UhrDr. Rui Magone: „Die spannendste Geschichte, die niemand kennt: Beamtenprüfungen im China der Kaiserzeit“

Unser modernes Bild vom imperialen China ist ein eher statisches, dynastisch punktiertes. Jeder Dynastiewechsel war langwierig und ging mit viel Gewalt einher, aber der Status Quo konnte nicht nur jedes Mal komplett wiederhergestellt werden, sondern das jeweils neue Kaiserhaus war in der Lage, sich auch eine ganze Weile zu halten. Das Reichsterritorium war ähnlich groß wie im modernen China, und die Bevölkerung wuchs stetig, ab dem 18. Jahrhundert sogar in einem rasanten Tempo. Hingegen war die Infrastruktur technologisch eher rudimentär und nicht besonders gut ausgebaut, so dass die Verbindung zwischen der Hauptstadt und den vielen Regionen zwar konstant, aber höchst langsam war.

Prüfungsrobe
Prüfungsrobe

Es stellt sich die Frage, was ein so großes, aber verwaltungstechnisch eher poröses Reich über eine so lange Zeitspanne zusammenhalten konnte. Mitunter war es die Idee, dass jeder seiner Untertanen an der staatlichen Macht partizipieren konnte, denn die imperiale Bürokratie war im Prinzip allen zugänglich. Die einzige Bedingung dafür war die erfolgreiche Teilnahme an den Beamtenprüfungen, die überall im Reich stattfanden. Prüfungserfolg war allerdings eine sehr knappe Ressource, man musste mehrere Anläufe nehmen, um die Prüfungen zu bestehen. Dadurch hielten die Beamtenprüfungen nicht nur die Untertanen des Reichs in Schach, sondern banden sie auch an die Zentrale.

Prüfungshof in Guangdong 1873
Prüfungshof in Guangdong 1873

Der Vortrag setzt sich mit der Frage auseinander, warum diese für die Gesellschaft des imperialen China so zentrale Institution zu einem eher peripheren Thema geworden ist, das in der Forschung verhältnismäßig wenig Beachtung erhalten hat. Als Anregung für die Diskussion im Anschluss soll auch kurz angerissen werden, inwiefern eine gründliche Beschäftigung mit den Beamtenprüfungen unser statisches Bild des imperialen China aufweichen und uns in die Lage versetzen kann, vielleicht nicht die spannendste, aber wenigstens eine spannendere und wahrscheinlich plausiblere Version dynastischer Geschichte, insbesondere ihrer Innendynamik, zu erfahren.

Rui Magone, geboren in Lissabon, studierte Sinologie und Komparatistik in Wien, Shenyang, Singapur, Berlin, Peking und Berkeley und promovierte 2001 an der Freien Universität Berlin mit einer Arbeit zum Beamtenprüfungssystem im China des 17. Jahrhunderts. Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter für Sinologie an der Freien Universität Berlin, Gastprofessor an der Emory University in Atlanta und Research Fellow an Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Zur Zeit ist er Forscher am Zentrum für Wissenschaftsgeschichte der Universität Lissabon und arbeitet, zusammen mit dem Wissenschaftshistoriker Henrique Leitão, an einer annotierten Übersetzung des astronomischen Werkes Tianwenlüe, das 1615 vom portugiesischen Jesuiten Manuel Dias zusammen mit chinesischen Gelehrten verfasst wurde.