OAG – Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (Tokyo)

Mittwoch, 31. März 2021, 16:00-17:30 UhrDr. Heide Imai: Nachbarschaft Tokyo: Kreativ-urbane Milieus als Orte der Innovation und Polarisierung

Vor dem Hintergrund der neuen Attraktivität von urbanen Zentren gewinnen Kreative als potenzielle Impulsgeber für diverse Stadtentwicklungsprozesse größere Bedeutung. Zum einen ist die Aktivierung bzw. Beteiligung dieser Kreativen wichtig, um innovatives Potenzial in verschiedene Entwicklungsprozesse mit einzubinden, zum anderen zeigen Kreative zunehmend Interesse an der Entwicklung ihrer Stadt und fordern ihre entsprechende Teilhabe ein. Kreative stellen auch in Tokyo einen relativ verborgenen, aber wichtigen Teil des größeren kreativen Ökosystems dar, das sich aus vielen verschiedenen einflussreichen Interessengruppen zusammensetzt (z.B. Staat, Stadtbehörden, große Unternehmen und ausländische Investoren), die alle aktiv zu seiner Funktionsweise beitragen. Kreative Akteure nehmen dabei eine einzigartige Metaposition zwischen den beiden Welten der Kreativität ein, da sie sowohl Teil des gewöhnlichen Nachbarschaftsalltags, als auch Teil des größeren Wirtschaftssystems sind, in dem sie gedeihen (wollen). Deshalb können Tokyos Kreative auch als ‚Vermittler‘ bezeichnet werden, die eine Brücke zwischen den beiden Dimensionen des kreativen Ökosystems Tokyos darstellen, da ihre hybride, bidirektionale Rolle den wichtigen Austausch zwischen systematischer/wirtschaftlicher und nachbarschaftlicher Kreativität ermöglichen.

Hikifune Kyojima (51)
In Hikifune, Kyōjima. Aufnahme: Heide Imai

In diesem Vortrag soll es darum gehen, die Rolle existierender kreativ-urbaner Milieus in der Stadtentwicklung von Tokyo zu beleuchten und besser zu verstehen. Verschiedene Nachbarschaften Tokyos werden vorgestellt und ‚durchlaufen‘ (Bakurochō, Hikifune, Kyōjima, Ichigaya, Kiyosumi Shirakawa, Kōenji, Kuramae), um zu erfassen, wie milieugebundene Kreativität als kollektive Netzwerkressource die Stadtentwicklung Tokyos beeinflusst hat und wird, besonders während und nach der Covid-19 Pandemie.

Bakurocho (88)
In Bakurochō. Aufnahme: Heide Imai

Dr. Heide Imai, Architektin, seit 2020 Associate Professorin an der Senshu Universität, Fakultät für Interkulturelle Kommunikation, und Research Associate an der Keio Universität. Studium der Architektur, Kulturwissenschaften und Urbanen Soziologie in Leipzig, Rotterdam, Oxford und Manchester. Autorin von Tokyo Roji: The Diversity and Versatility of Alleyways in a City in Transition, Routledge, 2017), Asian Alleyways: An Urban Vernacular in Times of Globalization (mit M. Gibert-Flutre, Amsterdam University Press, 2020), Creativity in Tokyo: Revitalizing a Mature City (mit M. Ursic, Palgrave Macmillan, 2020). Sie beschäftigt sich vor allem mit urbanen Orten, durch die wir Stadtentwicklungsprozesse zwischen Revitalisierung und Verfall, Kreativität und Nachhaltigkeit verstehen können. Eine neue Publikation zum Thema mit dem Titel Everyday Yokohama – Neighbourhoods between Decline and Revival wird 2022 bei Palgrave Macmillan erscheinen.

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