OAG – Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (Tokyo)

Mittwoch, 17. März 2021, 18:30-20:00 UhrEric Häusler: „Unbegangene Wege: Urbanisierungsprozesse und Zukunftsvorstellungen im Tokyo der 1960er-Jahre“

Im Jahr 2021 ist Tokyo eine Weltstadt. Gemessen an der Einwohnerzahl ist sie die größte Metropolregion der Welt und nach allen denkbaren Maßstäben ist sie eine sogenannte World oder Global City ersten Ranges. Aber es muss in Erinnerung gerufen werden, dass diese Entwicklung noch in den 1960er-Jahren keineswegs so vorauszusehen oder erwartbar war.

Der Vortrag unternimmt eine Zeitreise in diese von Unsicherheiten und Unwägbarkeiten geprägte Periode in der Geschichte der Metropole Tokyo. Er beleuchtet den vielfältigen und unübersichtlichen Urbanisierungsprozess in dieser Umbruchphase nicht mit dem besserwisserischen Rückblick auf Basis des heutigen Kenntnisstandes. Stattdessen möchte er zahlreiche unterschiedliche zeitgenössische Vorstellungen von der möglichen Zukunft der Metropole wiederentdecken. Zukunftsimaginationen, wie sie Architekten, Politiker und Einwohner vor etwa 60 Jahren bewegten. Diese reichten von den grandiosen architektonischen Utopien der sogenannten Metabolisten, über die tiefgreifenden und umstrittenen Eingriffe in die Infrastruktur Tokyos im Vorlauf der Olympischen Spiele 1964, bis hin zur radikalen Wahlplattform von Minobe Ryokichi, des 1967 gewählten Gouverneurs von Tokyo.

Es geht nicht darum, den einen, schließlich tatsächlich eingeschlagenen, Erfolgsweg Tokyos zur jetzigen Weltstadt nachzuzeichnen oder gar zu erklären. Wiederbelebt werden sollen vielmehr die damalige Vielfalt und Offenheit der für denkbar gehaltenen Entwicklungspfade und einst bedeutender, wenn womöglich auch nicht eingeschlagener, Wege. Den Zeitgenossen soll damit ihre Zukunft wiedergegeben werden. Und aus aktueller Sicht könnte so ein facettenreicheres und offeneres Verständnis des Phänomens Tokyo entstehen.

Kenzo Tange_A Plan for Tokyo 1960
Tange Kenzō, A plan for Tokyo, 1960

Eric Häusler ist seit März 2020 Research Fellow am Institute of Comparative Culture der Sophia University. Studium der Allgemeinen Geschichte, Soziologie und Philosophie in Zürich und Luzern. Abschluss an der Universität Zürich (2014) mit einer Lizenziatsarbeit zur vergessenen Erfolgsgeschichte der Schweizer Stickerei-Industrie zwischen 1865 und 1929. Anschließend Doktorand an der Universität Bern und wissenschaftlicher Mitarbeiter des vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanzierten Sinergia-Projekts «Doing House and Family». Im Frühjahr 2020 Abschluss der Dissertation zur Konkursgeschichte Berns von 1750 bis 1900. Aktuell erforscht er im Rahmen seines vom SNF geförderten Postdoc-Projekts den Urbanisierungsprozess Tokyos in den 1960er-Jahren. Diese Arbeit stellt den ersten Schritt eines umfassenderen Forschungsprojekts dar: In vergleichender Perspektive sollen die Urbanisierungsprozesse und die damit verbundenen Zukunftsvorstellungen in Tokyo, New York City und Zürich neu entdeckt werden.