Mittwoch, 13. Mai 2026, 18:30–20:00 Dr. Sarah Stark: „Vom Märchen zum Rakugo: Wie Grimms Gevatter Tod zum japanischen Shinigami wurde“

Die Rakugo-Geschichte Shinigami gehört heute zu den bekanntesten und beliebtesten Stücken der japanischen Erzählkunst. Weniger bekannt ist jedoch, dass ihre Wurzeln vermutlich in Europa liegen – genauer gesagt im Märchen „Gevatter Tod“ der Brüder Grimm.

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„Der Gevatter Tod“ von Otto Ubbelohde

Der Vortrag zeichnet den Weg dieser Geschichte von Europa nach Japan nach und untersucht, wie sie sich im Prozess kultureller Übertragung verändert hat. In der Grimm’schen Version ist die Handlung in einem christlich geprägten moralischen Universum verankert: Der Tod erscheint als Hüter einer göttlichen Ordnung, deren Regeln nicht gebrochen werden dürfen. In der Rakugo-Version hingegen verwandelt sich diese Figur in den Shinigami – eine manchmal schelmische, ambivalente Gestalt, die zugleich Lehrer, Verführer und Vermittler zwischen den Welten sein kann.

Gleichzeitig zeigt der Vortrag, dass die Geschichte ihre eigentliche Form erst auf der Rakugo-Bühne erhält. Durch Stimme, Timing und die unmittelbare Interaktion mit dem Publikum wird der Shinigami zu einer lebendigen Figur, deren Bedeutung sich von Aufführung zu Aufführung weiterentwickelt.

Dabei wird deutlich, dass die Geschichte nicht einfach übernommen, sondern grundlegend neu gestaltet wurde. Die moralisch strenge Logik des Grimm’schen Märchens weicht in der Rakugo-Version oft humorvollen Situationen. Gleichzeitig verändern sich die Motivation der Figuren sowie die Deutung von Schicksal, Verantwortung und Belohnung.

Mit einem Master in Japanese Studies der University of Edinburgh und vielen Jahren in Japan im Gepäck wurde Sarah Stark eines Abends von einem Freund in die Welt des Rakugo eingeführt. Was als gelegentlicher Ausflug begann, ist heute seit 15 Jahren Leidenschaft: Mehrere Abende im Monat verbringt sie in der Yose oder auf Rakugo-Veranstaltungen. Diese Begeisterung ließ sie nicht los – 2016 begann sie, neben ihrem Vollzeitjob, eine Doktorarbeit an der Universiteit Gent. Sie publizierte mehrere englischsprachige Artikel zur Rakugoka-Namensgebung und zur Ausbildung weiblicher Rakugoka, und promovierte schließlich im Dezember 2024.

ACHTUNG SOMMERZEIT!!
Zeit: 18.30-20.00 Uhr (Japan), 11.30-13.00 Uhr (MESZ)
Zoom-Link: https://us02web.zoom.us/j/88345011198?pwd=cdgb07x8dJaPZWc5gV70aVadxcz4X9.1
Meeting ID: 883 4501 1198
Passcode: 696347

Im Anschluss an den Vortrag findet die Eröffnung einer Ausstellung bei einem kleinen Umtrunk im Foyer statt.