OAG – Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (Tokyo)

Mittwoch, 31. Januar 2018, 18:30-20:00 UhrDr. Hanno Jentzsch: „Das Dorf im zeitgenössischen Japan. Soziale Organisation und subventionierte Tradition“

© Hanno Jentzsch
© Hanno Jentzsch

Das Dorf im zeitgenössischen Japan ist eine schwer fassbare und dabei politisch und gesellschaftlich hoch relevante soziale Einheit. Der Blick auf Dörfer und den ländlichen Raum im Allgemeinen ist verschleiert einerseits durch die Konzentration von Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, (ausländischen) Medien und Forschung auf den Ballungsraum Tokyo; und andererseits durch nostalgische Vorstellungen ländlicher oder gar landwirtschaftlicher Idylle, die kaum mit dem Alltag jenseits dieses Ballungsraums übereinstimmen. Zudem ist der Begriff „Dorf“ (village, mura) an sich unscharf – er bezieht sich auf die heutige administrative Einheit, auf historische Dörfer innerhalb heutiger administrativer Einheiten und eine weitere Ebene darunter auf natürliche Siedlungen von 20-100 Haushalten (shūraku), die teilweise seit Jahrhunderten bestehen und immer noch wichtige soziale Funktionen haben.

© Hanno Jentzsch
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Der Vortrag entflicht diese Ebenen mit einem Rückblick auf die nachkriegszeitliche Entwicklung des „regionalen Japans“ (William Kelly). Besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem shūraku als dynamische, anpassungsfähige Institution. Anhand des Beispiels von dörflichen landwirtschaftlichen Kollektivbetrieben (shūraku einō) wird die Rolle des Dorfes für den Wandel des landwirtschaftlichen Unterstützungs- und Protektionsregimes aufgezeigt. Auf der lokalen Ebene dient das shūraku als Ressource für Bauern und lokale Kooperativen, diesem Wandlungsprozess zu begegnen; auf der nationalen Ebene als positiv konnotierte Legitimationsgrundlage für Subventionsprogramme. Angesichts des politisch hochgradig aufgeladenen Themas Agrarreform und der aktuellen Bemühungen um die Revitalisierung der alternden und strukturschwachen Peripherie ist ein besseres Verständnis der lokalen sozialen Strukturen im regionalen Japan unerlässlich.

Hanno Jentzsch ist Sozialwissenschaftler und seit Oktober 2016 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Japanforschung in Tokyo. Den Doktorgrad erwarb er im Rahmen des DFG-Graduiertenkollegs „Risk and East Asia“ an der Universität Duisburg-Essen. Seine Forschungsthemen umfassen die Rolle des Agrarsektors im japanischen Kapitalismusmodell, ländliche Entwicklungspolitik, vergleichende Kapitalismusforschung und Theorien institutionellen Wandels.

Im Anschluss an den Vortrag findet ab 20.00 Uhr die Eröffnung der Ausstellung tsukijiPRIDE von Ivan Toscanelli bei einem kleinen Umtrunk im Foyer statt.