OAG – Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (Tokyo)

Mittwoch, 9. Dezember 2020, 18:30-20:00 UhrGesprächsabend mit Hans Sautter: „Japan – kostümierte Wirklichkeit. Die Geschichte einer Buchproduktion“

Lektoren und Redakteure beharren auf Blütenträumen. Was Peter Tasker in der Einleitung zu meinem Buch als Bewahrung eines idealisierten Japanbildes bezeichnet, als die zwingende Aufrechterhaltung einer Fiktion, stammt aus dem späten 19. Jahrhundert. Schon damals fabelte der einflussreiche Japanologe Lafcadio Hearn von diesem fiktiven Land. Er beschreibt seine Ankunft „in einer Welt, in der Land, Leben und Himmel anders sind als alles, was man von anderswo kennt“, ähnlich wie das Eintauchen in „den alten Traum von einer Elfenwelt“.

Dieses Bild, das Japan mit dem Traum einer Elfenwelt gleichsetzt, wird bis heute konsequent aufrechterhalten. Es dominiert auch im Jahr 2020 Medien und Bücher im deutschen Sprachraum.
Japan bleibt das Land der Geishas, der Teezeremonien, der meditativen Stille und des höflichen Lächelns. Ein exotisches, mystisches Reich im fernen Osten; rätselhaft und unverständlich. Ohne die eindeutigen Signale Fuji, Geisha, Zen und Kimono würde man ja sonst nicht wissen, wo man ist.

Der bekannte japanische Germanist Kimura Naoji macht in seinem 2006 erschienen Buch Der ost-westliche Goethe individuelle Vorurteile, kollektiven Nationaldünkel und kulturpolitische Manipulationen für dieses unerbittliche Festalten an gängigen Denkschablonen verantwortlich: „Trotz der Globalisierung halten die Menschen anscheinend aus Denkfaulheit lieber an ihrem vertrauten Welt- bzw. Menschenbild oder an ihrem althergebrachten geistigen Standpunkt fest, um die anderen zu beurteilen oder zu verurteilen.“

Als mein Buch JAPAN noch bei einem anderen Verlag war, sollte auch mir der Untertitel „Tradition und Moderne“ aufgezwungen werden – ein Umstand, der mehr über deutsche Lektoren und Redakteure aussagt als über Japan. Eine zeitgemäßes Japanbild scheint unmöglich. Abweichungen oder gar neue Blickwinkel bleiben unerwünscht.

Hans Sautter, geboren 1950 in Reutlingen, ist Absolvent der Foto-Akademie in München. Seine Arbeiten erschienen in Publikationen von National Geographic, des Smithsonian Institute und des WWF sowie in zahlreichen internationalen Zeitschriften wie beispielsweise Time, GEO und Nature. Japan war nie sein Reiseziel, sondern im Jahre 1972 ein Stop-over auf dem Weg nach Australien. Nach fast 50 Jahren Assimilation hat Hans Sautter den Zugang und Einblick eines Insiders: Die scheinbare Exotik Japans ist Gewohnheit und Alltag.

Der Gesprächsbend findet coronabedingt nur online per Zoom statt.
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