OAG – Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (Tokyo)

Mittwoch, 9. Oktober 2019, 18:30-20:00 UhrDr. Helmut Morsbach: „Des (deutschen) Kaisers neue Kleider in Fernost. Leben und Gebäude im vormalig deutschen Tsingtau 1897-1914 im Pachtgebiet Kiautschou“

Reichskanzler Bismarck war nicht begeistert von der Welle, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts viele europäische Großmächte ergriff und sie oft veranlasste, sich kostspielige Kolonien anzueignen. Auch die deutschen Sozialdemokraten waren gegen solch „unnütze“ Kolonialbestrebungen. Doch der impulsiv agierende Kaiser Wilhelm II fing schnell Feuer und Flamme. Zusammen mit seinem ehrgeizigen Marineminister Tirpitz wollte er für die „Großmacht Deutschland“ 1897 auch einen Teil des riesigen China-Kuchens abschneiden, um weiterhin Deutschlands angestrebte „Weltmachtstellung“ zu festigen.

TIME MAGAZINE cover – TirpitzAlfred von Tirpitz
Wilhelm IIKaiser Wilhelm II

So sollte im chinesischen Pachtgebiet Kiautschou (mit Stadt Tsingtau) mit vielen Zuschüssen aus Berlin eine deutsche Handelsniederlassung entstehen, mitsamt Hafen für eine geplante deutsche Pazifik-Flotte. Dieses deutsche Pachtgebiet, auf mindestens 99 Jahre Dauer geplant, hörte schon nach 15 Jahren auf zu existieren, nach dem unerwarteten und ganz überwältigenden Einmarsch der Japaner im Kriegssommer 1914.

Gouerneurspaalst in TsingtauDer ehemalige deutsche Gouverneuerspalast in Tsingtau
Witzzeichnung ueber die europ. Aufteilung ChinasFranzösische Witzzeichnung über die Aufteilung des machtlosen China. „Japan sitzt“ vorn, ganz rechts. Ende des 19. Jahrhunderts

Viele dieser noch erhaltenen Gebäude, vor über hundert Jahren von deutschen Architekten im Jugendstil errichtet, sind heute denkmalgeschützt. Sie halten neuerdings dazu her, als Hintergrund für chinesische Hochzeitsfotos zu dienen. So ist das heutige Qingdao auch ein „alt-deutsches“ Touristenziel geworden. Weithin ist es einigen Deutschen aus dem ehemaligen Tsingtau zu verdanken, dass heute in Japan viel Baumkuchen gegessen werden kann, und dass außer dem der Jubelruf „フロイデ!、フロイデ!“ (frei nach Schiller und Beethoven) regelmäßig zum japanischen Jahresende erklingt.

Church towers in TsingtauKatholische Kirche von Tsingtau

Der Vortrag soll nun Tsingtaus kurze, aber einzigartige Geschichte aus dieser fernen Zeit (mitsamt ihren bleibenden Bauwerken) anhand vieler Fotos wieder zum Leben bringen.

Helmut Morsbach wurde kurz vor dem zweiten Weltkrieg in Kapstadt, Südafrika geboren. Seine Muttter stammt aus Hamburg. Er ist väterlicherseits Enkel eines ausreisefreudigen Deutschen aus der Gegend bei Solingen, der sich Ende des 19. Jahrhunderts in englisch-südafrikanische Dienste begab und kurz darauf eine in Kapstadt geborene Schottin heiratete. Helmut Morsbach bereiste u.a. die ehemaligen deutschen Kolonien, z.B. in Südwest- und Ostafrika. Jahre später besuchte er seinen deutschen Segelfliegerfreund in Qingdao (dem vomaligen Tsingtau), der dort als Berater beim Bau des neuen U-Bahnsystems angestellt war.