Mittwoch, 10. Februar 2021, 18:30-20:00 UhrJuljan Biontino: „Utsunomiya Tokuma (1906-2000) und die zwei Koreas – Hinwendung zum Norden zur Rettung des Südens?“

Der ehemalige LDP-Politiker Utsunomiya Tokuma (宇都宮 徳馬) ist mittlerweile nicht mehr im Blick der Öffentlichkeit und gerät mehr und mehr in Vergessenheit. Dies nicht zuletzt deshalb, weil er als Abrüstungsaktivist und Befürworter von guten Beziehungen zu den kommunistischen Nachbarstaaten Japans innerhalb der LDP eine laute Minderheit im Umfeld von Miki Takeo (1907-1988, 41. Ministerpräsident) und Ishibashi Tanzan (1884-1973, 55. Ministerpräsident) war. Utsunomiyas Parteiaustritt 1978 und die damit verbundene schwere Kritik an seiner ehemaligen Partei machen deutlich, dass sich seine Ansichten in der heutigen LDP bestimmt nicht wiederfinden.

Wird sich an ihn erinnert, dann hauptsächlich an seine Verdienste um die Normalisierung der Beziehungen mit der Volksrepublik China. Die Rolle, die Utsunomiya in den japanisch-koreanischen Beziehungen von 1965-1985 einnahm, verdient jedoch insbesondere jetzt, wo diese Beziehungen als angeschlagener denn je gedeutet werden, erneut Beachtung.

Utsunomiya Tokuma verbrachte Teile seiner Jugend in Seoul, wo sein Vater (Utsunomiya Tarō, 1861-1922) als Oberbefehlshaber der japanischen Truppen Hauptverantwortlicher in der Unterdrückung der koreanischen Widerstandsbewegung gegen die Kolonialherrschaft vom 1. März 1919 war. Nach dem frühen Tod seines Vaters wandte sich Utsunomiya Tokuma von den Karrierewünschen seines Vater ab und verließ das Militär, studierte Rechtswesen und bekannte sich zu Pazifismus und Liberalismus. Kontakte zu marxistischen Kreisen führten zu einer Freiheitsstrafe Ende der 1920er Jahre. Nach dem Zweiten Weltkrieg, durch Aktienspekulation in kurzer Zeit zum reichen Mann geworden, war Utsunomiya zunächst als Unternehmer erfolgreich, bevor er sich ab 1949 einer politischen Karriere verschrieb. Dabei sprach er sich gegen den Koreakrieg, gleichfalls gegen eine vorschnelle und unversöhnliche Normalisierung mit Südkorea aus. Seine Zuversicht in Südkorea verlor er endgültig nach dem Entführungsskandal um Kim Tae-jung, den späteren Präsidenten Südkoreas. Dieser, 1973 einer Einladung Utsunomiyas zu einem Vortrag nach Tokyo folgend, verschwand spurlos aus seinem Tokyoter Hotel und tauchte erst Tage später wieder in seinem Haus in Seoul auf. Fortan setzte sich Utsunomiya für eine Verbesserung zu den Beziehungen mit Nordkorea ein, was in einer Reihe Reisen nach Nordkorea und offizieller wie inoffizieller Gespräche bei Kim Il-sŏng gipfelte.

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Juljan Biontino studierte Japanologie und Anglistik an der Universität Heidelberg, gefolgt von einem Doktorstudiengang in Geschichtsdidaktik an der Seoul National University. Seit 2016 Mitarbeiter im Department for Liberal Arts and Sciences, Universität Chiba.

Aufzeichnung des Vortrags