OAG – Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (Tokyo)

Mittwoch, 24. Juni 2009, 18:30-20:00 UhrVortrag Dr. Wilhelm M. Vosse: „Wird Japan zum Großbritannien oder zum Deutschland Asiens? Beobachtungen zur außenpolitischen Entwicklung Japans im 21. Jahrhundert“

Trotz der großen geographischen Entfernung gab es seit dem späten 19. Jahrhundert erstaunliche Parallelen in der innen- und außenpolitischen Entwicklung Japans und Deutschlands. Beide gingen durch eine Phase der Militarisierung und des Nationalismus, erlebten in den 1920er Jahren eine Phase der Demokrati-sierung und der gesellschaftlichen Modernisierung, und fielen in den 1930er Jahren zurück in Nationalismus und schließlich Militarismus und Hegemonie-streben. In der Nachkriegszeit kam es schließlich zu einem kompletten Wandel. Deutschland und Japan wurden erfolgreich demokratisiert und in beiden Ländern entwickelte sich in den 1950er Jahren eine einflussreiche anti-militaristische Grundstimmung die, trotz des in beiden Ländern vorhandenen Bedrohungspotentials, bis zum Ende des Kalten Krieges jedes militärische Engagement, das über die Selbstverteidigung hinaus gegangen wäre, unmöglich machte.

In den 1990er Jahren schien diese komplette Ablehnung in beiden Ländern jedoch langsam zu bröckeln. Nach dem „Kuwait-Schock“ begann Japan eine Debatte über die Zukunft seiner internationalen Rolle. Der ehemalige Vorsitzende der DPJ, Ichirō Ozawa, entwarf 1994 in seinem Buch „Blueprint for a New Japan“ das Konzept einer „normalen Nation“. Japan sollte sich von der aufgezwungenen Einengung seiner Rolle hin zu einem aktiven Teilnehmer der Staatengemeinschaft entwickeln und an der Seite der Vereinten Nationen für Frieden und Sicherheit arbeiten. In Deutschland fand eine ähnliche Debatte statt, die 1998 sogar einen militärischen Einsatz im Kosovo ermöglichte. Seit dem Versprechen des ehemaligen japanischen Premierministers Nakasone, dass Japan der unsinkbare Flugzeugträger der USA sei sowie der Intensivierung der Zusammenarbeit mit den USA unter Premierminister Koizumi, wurde in den letzten Jahren in den USA die Hoffnung geäußert, dass sich Japan zum „Großbritannien Asiens“ entwickle.

In diesem Vortrag vergleiche ich die innerjapanische und die innerdeutsche Debatte und insbesondere die öffentliche Meinung zur internationalen Rolle beider Länder. Ich werde zeigen, dass die Bevölkerungen, trotz gewisser Unterschiede, gerade nach dem Irak-Krieg nicht ohne weiteres bereit sind, den USA zu folgen, sondern diplomatische Lösungen bevorzugen. Japan und Deutschland könnten daher von einer Intensivierung ihrer Zusammenarbeit profitieren.

Dr. Wilhelm M. Vosse ist Senior Associate Professor für Politikwissenschaft und internationale Beziehungen an der International Christian University in Tokyo.

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