OAG – Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (Tokyo)

Mittwoch, 22. April 2009, 18:29-19:59 UhrVortrag Michael Burtscher: „Kategorischer Kaiser und Kategorischer Imperativ Philosophie, Politik und die Tücke des Subjekts im Japan der Vorkriegszeit“

Kategorischer Kaiser und Kategorischer Imperativ
Philosophie, Politik und die Tücke des Subjekts im Japan der Vorkriegszeit

„Was Japan seit alters her und bis heute fehlt ist Philosophie!… Ein Land ohne Philosophie ist wie eine Ziernische ohne Hängebild… Kant und Descartes sind wahrlich der Stolz Deutschlands und Frankreichs. Sie sind die Hängebilder in den Ziernischen dieser beiden Länder. Einem Volk ohne Philosophie fehlt der tiefere Sinn in allem was es tut.“ Diese Worte Nakae Chōmins, niedergeschrieben 1901 kurz vor seinem Tod, werden ebenso oft zitiert wie falsch interpretiert.
Natürlich gab es in Japan Philosophie, auch wenn das Wort tetsugaku, das Chōmin hier gebraucht, erst in der Meiji-Zeit aufkommt. So dachte jedenfalls Chōmin selbst, der den Neologismus tetsugaku als Übersetzungswort für „Philosophie“ gewöhnlich vermied, und stattdessen an dem alteingesessenen rigaku festhielt. Als er die obigen Worte niederschrieb, war tetsugaku längst zu einem Allerweltsbegriff mutiert, und wurde nicht zuletzt von jenen, gegen die sich sein Zorn hier richtet, pausenlos herbeizitiert.
Ein Hängebild mit Kant gab es auch. Wenige Jahre nach Chōmins Tod fand es nicht in einer Ziernische, sondern in einer halb konfuzianisch, halb buddhistisch inspirierten Verehrungshalle seinen Ort, deren Name Tetsugakudō sich auch als „Tempel der Philosophie“ wiedergeben ließe, und in der noch heute alle vier Jahre Kant im Mittelpunkt einer „Philosophischen Zeremonie“ (dem sogenannten Tetsuga-kusai) steht. Dieser „Tempel“ befindet sich in einem Park im japanischen Stil, in dem 77 philosophische Begriffe, auch aus der Kritik der Reinen Vernunft, sozusagen ins Hortikulturelle übersetzt dargestellt sind.
Das war natürlich gerade nicht, wie Chōmin sich das Verwurzeltsein von Philosophie in einem Volk vorstellte. Aber Chōmins pointierte Tirade gegen selbsternannte Philosophen, die „die Dattel als ganze schlucken“ würden, und der „Tempel der Philosophie“ im heutigen Nakano-ku sind gleichermaßen Zeugnisse der enormen Bedeutung, die der Philosophie als einem Ort politischer Auseinandersetzung als auch unpolitischer Distanznahme im Japan des ausgehenden neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts beigemessenen wurde. Dieser Vortrag wird einige Eindrücke öffentlicher Bezugnahmen insbesondere auf Kant, Hegel und Schopenhauer vermitteln, und einige Antworten auf die Frage versuchen, warum diese von der Meiji- bis in die Shōwa-Zeit hinein – nicht zuletzt im Zusammenhang mit der Herausbildung eines japanischen Nationalbewusstseins – eine so große Rolle gespielt haben.

Michael Burtscher hat in München Neuere und Neueste Geschichte und in Harvard Geschichte und Ostasiatische Sprachen (mit Schwerpunkt Japan) studiert. Von 2006 bis 2007 war er in Sapporo Dozent an der Hokkaido Universität. Seit 2007 ist er Associate Professor an der Tokyo Universität, wo er dem Institute for Social Science angehört, und in der Abteilung für Auslandsbeziehungen für die Veröffentlichung sozial- und geisteswissenschaftler Monographien in englischer Übersetzung zuständig ist. Der angekündigte Vortrag ist Teil einer langjährigen Forschungsarbeit zum Standort der Intellektuellen und zur Rolle philosophischer Begrifflichkeiten in der Herausbildung des japanischen Staats der Meiji- und Vorkriegszeit, aus der auch seine noch nicht abschließend eingereichte Ph.D. Thesis hervorgeht.

Informationen über den Park und die einzelnen Pavillons finden Sie im Internet unter:
http://www.tetsugakudo.jp/top.htm
http://www.city.tokyo-nakano.lg.jp/024/99/130-midoritokouen/tetugak1.html

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