Dienstag, 6. März 2007, 10:00 - Donnerstag, 29. März 2007, 17:00 Austellung: Raritäten aus der OAG-Bibliothek „Der europäische Blick auf Japan. Teil 1“

Die Ausstellung hatte vier Eltern, zwei Väter und zwei Mütter: Den Herrn Inui aus Nara, der sich um alles kümmert, Herrn Lokowandt aus Tokyo, der sich ebenfalls um alles kümmert, Frau Matsumoto, die die Briefe schreibt und immer alles weiß, die Praktikantinnen der OAG, Frau Mauermann, Frau Weiß und vor allem Frau Schaffranek, die die meisten Texte verfaßte, und Frau Veemees, die sie korrigierte. Da fällt mir ein, daß ich Frau Roeder vergessen habe, die auf die Qualität achtet, Frau Fukuyama, die für die Übersetzung sorgt, und, und, und. Es scheint doch, daß die Ausstellung mehr Mütter hat als Väter – eine Neuerung der Biologie.

Es fing vor etwas über zwei Jahren an, im Dezember 2004. Herr Ludwig vom Generalkonsulat in Osaka teilte uns mit, daß die Bibliothek der Präfektur Nara eine Ausstellung von alten, deutschen Büchern plant. Eine E-Mail zu schreiben kostet nicht viel, und so machte sich Frau Matsumoto an die Arbeit. Ein Hinweis, den wir am selben Tag erhielten, daß sich die Bibliothek nur für neue Bücher vom Goethe-Institut interessierte, machte uns auch keine Sorgen: Was schadet es, wenn wir eine Mail zu viel verschicken.

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten, und bald darauf besuchte uns Herr Inui aus Nara, der uns am Nachmittag seine Vorstellung erläuterte. Am Abend setzten wir uns zu zweit ins Restaurant, wo wir zwei Flaschen Wein leerten und uns blendend unterhielten, über alles, nur nicht über die Ausstellung in Nara. Die Ausstellung war aber gesichert. Nur kurze Zeit darauf teilte uns das Herr Inui mit. Es folgte eine Reihe von Besuchen, einmal Herr Inui mit einer Bibliothekarin seiner Bibliothek, dann Herr Inui allein. Er ließ auch ein prächtiges Blumengebinde in das Krankenhaus schicken, als er von dem Unfall von Herrn Lokowandt gehört hat.

Es sind drei Ausstellungen in japanischer und deutscher Sprache geplant, für dieses Jahr und die beiden folgenden Jahre, jeweils im Frühjahr. Es werden nur Bücher aus der Bibliothek der OAG ausgestellt, das erste Mal „alte“ Bücher, das zweite Mal Bücher, die Phillip Franz von Siebold der japanischen Regierung hinterlassen hat, als er nach seinem zweiten Japanbesuch starb, und dann, das ist die Hauptsache, Bücher der OAG von den ersten Bänden und Mittheilungen bis heute. Jeweils 40 bis 50 Bände sollen ausgestellt werden, ich freue ich schon auf die erste Ausstellung, und auf die dritte ganz besonders.

Ernst Lokowandt

Bei dieser Gelegenheit sollten zwei Bücher der ersten Ausstellung Erwähnung finden: Zunächst einmal „Gedenkwardige Gesantschappen der Oost-Indische Maatschappy in’t Vereenigde Nederland, aan de Kaisaren van Japan“ von Arnoldus Montanus aus dem Jahre 1669, dessen Kupferstiche ungewollt für Erheiterung, aber auch Verständnislosigkeit im OAG Büro sorgten. 1602 wurde die Niederländische Ostindien-Kompanie gegründet, 1621 die Westindien-Kompanie, die bald Teile Brasiliens, der Karibik und Nordamerika beherrschten und Amsterdam in einer Periode von Macht und Wohlstand zu einer der wichtigsten Hauptstädte Europas aufsteigen ließen. In dieser Zeit des wirtschaftlichen und kulturellen Erblühens der Niederlande wuchs Arnoldus Montanus (1625-1683) auf. Neben seinem Beruf als Direktor einer Lateinschule in Schoonhoven und seiner Berufung zum Theologen und Philosophen, war er an den Reiseberichten über ferne und fremde Länder interessiert, die durch die zahlreichen Seefahrten der VOC (Vereenigde Oostindische Compagnie) nach Europa kamen. Diese kaufte er den Seefahrern ab und veröffentlichte sie im Jahre 1669 gebündelt unter dem Namen: „Gedenkwaerdige Gesantschappen der Oost-Indische Maetschappy (…)“. Schon drei Jahre später wurde die Sammlung ins Englische übersetzt, danach auch ins Deutsche und Französische. Die 454 Seiten galten bald als Referenzwerk für Japan – zu Recht, sind doch einige Ausführungen von Montanus, die er freilich nur Aufzeichnungen Dritter entnommen hatte, höchst abenteuerlich zu lesen. Erst sechzig Jahre später wurde das Werk von van Gochs „Hedendaegsche Historie“, 1729, abgelöst.

„Amida sitzet auf einem siebenköpfigen Pferde; davon ein ieder Kopf tausendjährige zeiten sol andeuten. Der Abgott selbst hat einen Hundekopf/ mit langen überhangenden Ohren. Die Hände halten einen güldenen Reif oder Bügel/darein er mit seiner Hundesschnautze beiset. Aber wie gräulich er sonsten aussiehet/ so köstlich ist wieder sein Kleid: welches aus eitel Golde/Perlen/und Demanten bestehet. Am fuß-ende der Götzenhöhe lieset man enie Japanische Schrift/welches ie bedeutung dieses misgestalten Hundegötzens erklähret.“
(Darstellung des „guhten Amida“ bei Montanus, „Denckwürdige Gesandtschafften“, S.107)

Montanus – Denckwürdige Gesandtschafften {5.8.2026}
„Die weise zu Fischen ist unterschiedlich. Zuweilen gebrauchen sie sonderliche Werckzeuge/damit sie die Fische unter dem Wasser schiessen. Diese werckzeuge seind festgebunden an eine dünne Leine/aus Kapok gedrehet. Wan der Fisch getroffen ist; so geben sie so lange nach als die Leine reichen kan.“
(Aus Montanus, „Denckwürdige Gesandtschafften“ (S.50f.)

Unwahrheiten und Übertreibungen wie in dem Werk von Montanus lassen sich auch in den „Memoirs and Travels of Mauritius August Count de Benyowsky“ von 1904 feststellen. Ursprünglich 1790 publiziert und 114 Jahre später nachgedruckt, erzählen die Aufzeichnungen von Mauritius August Count de Benyowsky von einem ereignisreichen, unsteten Leben, das über russische Gefangenschaft, Flucht und Seefahrten, Teilnahme an der amerikanischen Revolution sowie über die Liebe zu den Ryūkyū Inseln allerlei zu berichten hat. Schon das Geburtsdatum des Count de Benyowsky ist unklar; entweder 1741 oder 1746 erblickte er in dem damaligen Königreich Ungarn das Licht der Welt. Durch seinen rebellischen und aufmüpfigen Charakter fand er sich in jungen Jahren inmitten des polnischen Unabhängigkeitskrieges gegen Rußland wieder. Seine Flucht aus russischer Gefangenschaft. wurde zu einer Entdeckungstour, die ihn lange vor La Perouse und Captain Cook den Pazifik überqueren ließ. Bei dem Versuch, durch die Aleuten (eine Inselkette zwischen Nordamerika und Asien am Südrand des nordpazifischen Beringmeers) zu navigieren, landete er schließlich auch auf den Ryūkyū-Inseln.

Dort verbrachte er eine höchst angenehme Zeit, die er so sehr genoß, daß er den Abschied unter dem Kapitel „A Tearful Parting“ beschreibt und folgenden Vertrag aufsetzte:

„That I, Mauritius Augustus de Benyowsky, do oblige myself, and do promise, upon my faith as a Christian, to return to this island, as soon as possible, with a society of virtuous good, and just men, to dwell upon this island, and to adopt the manners and usages, and laws of the inhabitants.” (S.392)

Mauritius August Count de Benyowsky {5.8.2026}
Mauritius August Count de Benyowsky

Während seiner Zeit in Frankreich lernte er Benjamin Franklin und Kasimir Pulaski kennen, mit welchen ihn bald eine gute Freundschaft verband. 1779 reiste Benyowsky nach Philadelphia, um sich in die Dienste der Amerikanischen Revolution zu stellen und erlebte zwei Jahre später das Ende seines Freundes Pulaski bei der Belagerung von Savannah.

1783 legte er Hyacinth de Magellan seine Memoiren vor, die aber erst 1790, vier Jahre nach seinem Tode, veröffentlicht wurden. So erlebte er nicht mehr den einschlagenden Erfolg seines Lebensberichtes, der – als kosmopolitischer Triumph gefeiert – in acht Sprachen übersetzt wurde.

Auch wenn Benyowsky, verglichen mit anderen Reiseberichten von Gefährten, Tatsachen gerne nach seinem Belieben formte und an einigen Stellen über- oder untertrieb, mindert das nicht seine seefahrerische Leistung oder das Interesse an seinen Aufzeichnungen. So inspirierte sein abenteuerliches Leben nicht nur Maler, sondern auch Schriftsteller wie August Friedrich von Kotzebue, der 1795 „Graf Benjowsky oder die Verschwörung auf Kamtschatka“ schrieb.

Ines Schaffranek

So kommen Sie zur Ausstellung

Verlassen Sie den JR Nara Bahnhof aus dem Südausgang (Ausgang Nummer 5) und nehmen den Nara Kōtsū Bus () Richtung Kenritsutoshōkan () Nach ca. 15 Minuten kommen Sie an der letzten Haltestelle an und können die Bibliothek sehen. Es stehen Ihnen auch Parkplätze zur Verfügung, falls Sie mit dem Auto über die Nationalstraße 24 anreisen. Bis zu einer Stunde ist das Parken gratis.

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