OAG – Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (Tokyo)

Mittwoch, 23. März 2016, 18:30-20:00 UhrProf. Yoshio Birumachi: „Mori Ōgai in Deutschland – Die Kaiserstadt Berlin und die Kunststadt München aus der Sicht eines jungen Japaners –“

Mori Ōgai (1862-1922) war ein japanischer Militärarzt. Neben dieser Tätigkeit hat er literarische Werke und Kritiken verfasst und auch zahlreiche Arbeiten der europäischen Literatur ins Japanische übersetzt. Deshalb gilt er als einer der bedeutendsten und einflussreichsten Dichter in der neueren Literaturgeschichte Japans.

Von 1884 bis 1888 hat Ōgai als staatlicher Stipendiat Hygiene und Heeressanitätswesen in Leipzig, Dresden, München und Berlin studiert. Nach der Rückkehr befasste er sich intensiv mit Fragen der Dichtung und schrieb drei Erzählungen „Maihime“ (舞姫: Das Ballettmädchen) „Utakata no ki“ (うたかたの記: Wellenschaum) und „Fumi zukai“ (文づかひ: Der Bote). Diese Geschichten basieren alle auf seinen eigenen Erfahrungen in Deutschland und werden daher als „die drei deutschen Novellen“ bezeichnet. Unter ihnen hat die Berliner Novelle „Maihime“ die meiste Aufmerksamkeit erregt, da hier die Liebesbeziehung eines japanischen Beamten mit einer Berlinerin halb autobiografisch erzählt wird.

In dem Vortrag wird Ōgais Berlin, das japanischen Lesern dessen Deutschlandbild zu repräsentieren scheint, mit seinem Leben und Schaffen in München verglichen. Im Gegensatz zu Berlin, wo Ōgai sich stets in einem amtlichen Verhältnis befand, war es ihm in der bayerischen Hauptstadt möglich, ein relativ privates Leben zu führen. Hier konnte er sich ohne Uniform in der klassizistischen Residenzstadt frei bewegen und besuchte sowohl Kaffeehäuser als auch Biergärten, wo er insbesondere mit Kunststudenten der Münchner Akademie zu verkehren pflegte. Seine Münchner Novelle „Utakata no ki“, in der ein japanischer Kunststudent als Held auftritt, reflektiert die künstlerischen Züge Münchens.

Durch den Vergleich beider Großstadterfahrungen Ōgais soll erklärt werden, dass er die deutschen Metropolen in ihrem kulturellen und historischen Unterschied erkannt und sehr treffend dargestellt hat, wobei es sich um den Gegensatz von Kaisertum und Königtum, von bismarck’schem Bürokratismus und ludwig’schem Mäzenatentum handelt. In diesem Zusammenhang wird weiterhin darauf einzugehen sein, dass Ōgais Darstellung der beiden Städte auf das Deutschlandbild der Japaner so prägend gewirkt hat, dass man sich Deutschland oft im Pendel zwischen preußisch-militärischer Ordnung und bayerisch-romantischer Idylle vorstellt, wie es heute noch in verschiedenen Medien, z. B. im Fernsehen, auf Webseiten oder in Mangas usw., zu finden ist.

Prof. Yoshio Birumachi studierte Germanistik an der Rikkyō Universität in Tokyo. Nach seinem Magisterabschluss 1994 setzte er seine Forschung zunächst im dortigen Doktorkurs, später als „Research Fellow“ der Japan Society for the Promotion of Science (JSPS) fort. Seit 1998 lehrt er an der Philologischen Fakultät der Daitō-Bunka Universität in Tokyo (und Saitama). Sein Forschungsschwerpunkt ist der literarische und kulturelle Austausch zwischen Japan und Deutschland.

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