Mittwoch, 25. September 1996, 18:30–20:00 Prof. Dr. Herbert Eugen Plutschow: “Der animistische Charakter japanischer Personennamen”

Die traditionelle japanische Nomenklatur wäre ohne Bezugnahme auf den Animismus schwer verständlich. So entdeckt man in alten Texten, daß japanische Namen nicht nur Personen, Götter, Orte und Objekte repräsentieren, sondern daß der Name und das in ihm repräsentierte ontologisch identisch waren. Auf Grund dieses Prinzips waren Namen als wesentlicher Teil des Selbst mit Tabus belegt. Wenn eine Frau – freiwillig oder gezwungenermaßen – einem Mann ihren Namen offenbarte, so erteilte sie ihm damit das Recht, über sie zu verfügen. Das Gleiche galt bei der Offenbarung des Ortsnamens bei territorialer Übergabe. Tokugawa Ieyasu zog offiziell in den Krieg gegen Toyotomi Hideyori (1514-15), weil sein Name auf der Hōkō-ji Tempelglocke absichtlich oder unabsichtlich, zerstückelt wurde.

Ein persönlicher Name war aber nicht nur mit der Person verbunden, sondern auch mit der sozialen und politischen Struktur, der diese angehörte oder angehören wollte. Sumokämpfer führten oft Ringernamen, die sich auf ihren Heimatort bezogen. Alle bekannten japanischen Regierungen, inklusive der Meiji-Regierung, versuchten, Vor- und hauptsächlich Familiennamen zu kontrollieren und durch Vergabe oder Wegnahme von Vor- und Familiennamen, politische Hegemonie zu schaffen und Rivalen auszuschalten. Kriminellen wurden oft derogative Namen verliehen, welche ihren Ausstoß aus der Staatsstruktur dokumentierten. Damit verbunden ist auch die Tatsache, daß die meisten japanischen Familiennamen von Territorial- oder Amtsnamen abstammen. Die Identität dieser Personennamen mit den Orten und Ämtern, mit denen sie verbunden waren, erklärt auch, wieso Orts- oder Amtswechsel sehr oft zu neuen Namen führte. Mit Animismus zu tun hat auch das Problem des Staates als Inhalt der benannten Welt. Anhand dessen, was offiziell genannt oder verschwiegen wird, kann man reelle oder geforderte Staatsmacht ablesen, was die früher üblichen Namenslisten erklärt.

Prof. Dr. Herbert Eugen Plutschow, seit 1987 Professor für Japanisch an der University of California in Los Angeles hat unter anderem in Paris, Japan und den U.S.A. weiträumige Studien absolviert. Als Kulturanthropologe ist er durch seine zahlreichen Veröffentlichungen einem breiten Publikum bekannt.