Vorträge
Mittwoch, 19. Juni 1996, 18:30–20:00 Andreas Rießland: “Das aki no mine der Haguro Yamabushi”
Um die Herbstklausur von Bergasketen geht es im Vortrag von Herrn Andreas Rießland. Diese knapp neuntägige Askeseübung, die jedes Jahr im Frühherbst auf und um den Berg Haguro in der Präfektur Yamagata stattfindet, ist das wichtigste Ritual im Kalender des dortigen Zweigs der Religion Shugendō und zieht Teilnehmer und Zuschauer aus ganz Japan an. Zu den Eigenarten gehört unter anderem, daß sowohl die buddhistische Gemeinde am Haguro als auch der dortige Shintō-Schrein mit beinahe identischen Veranstaltungen offen miteinander in Konkurrenz liegen.
Für die als Yamabushi bekannten Bergasketen ist das aki no mine ein Ereignis von zentraler Bedeutung: zum einen dient es ihnen als Initiationsritus, in dem sich die Adepten verschiedenen Härteprüfungen unterwerfen, um als Vollmitglied in den Bund der Yamabushi aufgenommen zu werden. Das aki no mine ist jedoch auch eine spirituelle Reise – eine Wanderung durch Tod, Zeugung, Gestation im Mutterleib und Wiedergeburt, sowie ein Erfahren der verschiedenen Seinszustände.
Letztes Jahr hatte Herr Rießland die Möglichkeit, an der buddhistischen Version des aki no mine teilzunehmen und dabei die spirituelle Reise der Asketen am eigenen Leib mitzuerleben (und -erleiden), woran er uns in seinem Vortrag auch anhand von Bildmaterial teilhaben lassen will. Den Einstieg in das Thema bildet ein kurzer Umriß der geschichtlichen und geistigen Hintergründe der Religion Shugendō. Im Mittelpunkt stehen dabei weniger religionswissenschaftliche Aspekte sondern eher die Frage: was bringt gut 100 Menschen aus ganz Japan dazu, zusammen neun Tage auf engstem Raum zu verbringen, ungewaschen und unter einem strikten Regiment von zuwenig Essen und Schlaf und körperlichen Strapazen?
Andreas Rießland, Japanologe, arbeitet seit 1993 als Lektor an der Keiō-Universität in Shonan Fujisawa. Sein Interesse am Thema verdankt er dem Zufall, an einem Novembertag vor sechs Jahren am Berg Hiko eine Abzweigung zu verpassen und damit aus Versehen in die Herbstprozession der dortigen Yamabushi zu geraten.

