OAG – Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (Tokyo)

Mittwoch, 20. Mai 2020, 18:30-20:00 UhrOlympische Reihe, Teil 4. Dr. Torsten Weber (DIJ): „Tokyos Olympische Vergangenheit: 1964 glorifizieren, 1940 verschweigen?“

Am Vortag der Eröffnung der berüchtigten Olympischen Spiele von 1936 traf das IOC in Berlin eine historische Entscheidung. Zum ersten Mal wurden die Spiele an eine Stadt außerhalb Europas und Amerikas vergeben: Tokyo 1940. Die Organisatoren in Japan begannen umgehend mit den Planungen, dem Verkauf von Souvenirs und entwarfen innerhalb eines Jahres einen Olympischen Park in Komazawa. Als sich jedoch der seit 1931 schwelende Krieg mit China intensivierte, wurden die japanische Regierung und die Stadt Tokyo zur Rückgabe der Spiele an das IOC gedrängt. Im Jahr 1938, nach zwei Jahren voller Vorbereitungen, Begeisterung und Kritik, wurde ‚Tokyo 1940‘ aufgegeben und ging als ‚Phantom-Olympiade‘ (maboroshi no Orinpikku) in die Geschichte ein.

Im Vorfeld von Tokyo 2020 haben Medien, Museen, das JOC sowie die Tokyoter Präfekturregierung häufig Bezüge zu den Spielen von 1964 hergestellt, wogegen Tokyo 1940 in Vergessenheit geraten zu sein scheint. Ist die ‚Phantom-Olympiade‘ damit Teil eines Trends in der japanischen Öffentlichkeit, vergangene Erfolge nostalgisch zu feiern, die weniger erfreulichen Phasen der jüngeren Vergangenheit dagegen zu verdrängen? Welchen Ort und Stellenwert hat Tokyo 1940 im heutigen Geschichtsbewusstsein? Mit einem Fokus auf die zurückgegebenen Spiele von 1940 untersucht dieser Vortrag Repräsentationen der olympischen Vergangenheit Tokyos im öffentlichen Raum der Stadt von der Vergabe im Jahr 2013 bis heute.

Dr. Torsten Weber ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Japanstudien (DIJ) in Tokyo. Zu seinen Forschungsinteressen gehören die Geschichte der chinesisch-japanischen Beziehungen, Asiendiskurse, Geschichtspolitik und Vergangenheitsbewältigung in Ostasien. Sein aktuelles Forschungsprojekt untersucht die Nankinger Tagebücher John Rabes. Seit Februar 2020 leitet er die Wissenschaftskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit des DIJ.

Informationen zum Buch-Projekt des DIJ (Japan through the lens of the Tokyo Olympics) finden Sie hier:
Routledge flyer