Mittwoch, 15. April 2026, 18:30–20:00 Dr. Steve R. Entrich: „Neue Lebenswege unter jüngeren japanischen Erwachsenen? Die geschlechtsspezifischen Auswirkungen der internationalen Mobilität von Studierenden auf die Arbeitsmarktergebnisse und die Lebenszufriedenheit“

Internationale Studierendenmobilität (ISM) hat in den vergangenen Jahrzehnten weltweit stark zugenommen und gilt als ein zentrales Merkmal der Globalisierung von Hochschulbildung. Politik, Hochschulen und Arbeitgeber betrachten Auslandsstudienerfahrung zunehmend als Schlüssel zur Förderung transnationalen Humankapitals, verstanden als jene Fähigkeiten und Kompetenzen, die Individuen zur erfolgreichen Navigation zwischen nationalen Kontexten und dem globalisierenden Arbeitsmarkt befähigen. Auf individueller Ebene wird ISM mit persönlicher Entwicklung, interkulturellen und sprachlichen Kompetenzen sowie höherem subjektivem Wohlbefinden in Verbindung gebracht, während auf gesellschaftlicher Ebene international mobile Absolvent_innen zur Stärkung wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit beitragen sollen.

Gleichzeitig zeigen internationale Vergleichsstudien, dass Zugang und Erträge von ISM ungleich verteilt sind. Soziale Herkunft und Geschlecht beeinflussen sowohl die Teilnahme als auch die Verwertung internationaler Erfahrungen, wodurch bestehende Ungleichheiten potenziell reproduziert werden. Vor diesem Hintergrund geht der Vortrag der Frage nach: Wer profitiert von internationaler Studierendenmobilität – und unter welchen Bedingungen? Dabei wird zwischen ökonomischen Erträgen (z. B. Berufseinstieg, Einkommen, beruflicher Status) und subjektiven Erträgen (z. B. Selbstwirksamkeit, Autonomie, Lebenszufriedenheit) unterschieden.

Japan stellt hierfür einen besonders aufschlussreichen Fall dar. Als koordinierte Marktwirtschaft mit stark standardisierten Übergängen vom Bildungssystem in den Arbeitsmarkt und traditionsreichen, senioritätsbasierten Beschäftigungsmodellen kann internationale Mobilität zugleich als wertvolle Ressource und als Störfaktor wahrgenommen werden. Hinzu kommen geschlechtsspezifische Lebenslaufmodelle, die die Verwertung von transnationalem Humankapital unterschiedlich beeinflussen können. Darüber hinaus haben wirtschaftliche Unsicherheiten seit den 1990er Jahren, der Wandel hin zu einer als verstärkt ungleich wahrgenommen Gesellschaft (kakusa shakai) sowie politische Initiativen zur Internationalisierung die Bedeutung von Auslandsstudien neu geprägt.

Empirisch basiert die Studie auf einer Teilstichprobe des SSJDA Panels (2021–2023) mit etwa 1000 jungen Erwachsenen in Japan und fokussiert die sogenannte Post-Ice-Age-Generation, die nach 2004 in den Arbeitsmarkt eingetreten ist. Mittels quantitativer Analysen (inkl. Regressionsmodellen und Strukturgleichungsmodellen) wird untersucht, inwiefern sich internationale Mobilität auf Arbeitsmarkterfolg und Lebenszufriedenheit auswirkt und ob sich geschlechtsspezifische Unterschiede zeigen. Die Ergebnisse leisten einen Beitrag zum Verständnis der Bedingungen, unter denen internationale Studierendenmobilität in Japan zu individuellen und gesellschaftlichen Gewinnen führt, und zeigen zugleich die Grenzen ihrer Wirksamkeit in einem institutionell stark geprägten Kontext auf.

Dr. Steve R. Entrich ist Bildungssoziologe und derzeit Gastforscher an der Universität Tokyo und der Keiō-Universität sowie Senior Researcher an der Universität Zürich. Er gehört zu den führenden Experten für das japanische Bildungssystem und dessen internationale Einbettung. Er ist Ko-Leiter des SNF-Projekts JTEPS zur Untersuchung transnationaler Bildungs- und Karriereverläufe in Japan. Seit 2010 war er in den Bereichen Vergleichende Soziologie und Bildungsforschung, Lehrerbildung sowie Japanstudien an der Universität Potsdam, der Freien Universität Berlin, der Universität Zürich, der Universität Innsbruck und der Universität Duisburg-Essen tätig. Darüber hinaus forschte er international u. a. an der Dōshisha-Universität (Kyoto), dem Deutschen Institut für Japanstudien (DIJ) in Tokyo, der Pennsylvania State University, der Universität Tokyo sowie der Education University of Hong Kong.
Seine zentralen Forschungsinteressen liegen in der vergleichenden Bildungssoziologie mit einem Schwerpunkt auf sozialen Ungleichheiten im Bildungserwerb, Bildungsentscheidungen, Bildungsrenditen, Lebensverlaufsforschung sowie den Auswirkungen transnationaler, ergänzender und inklusiver Bildung in Deutschland, Japan, den USA und im internationalen Vergleich.

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Zeit: 18.30-20.00 Uhr (Japan), 11.30-13.00 Uhr (MESZ)
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