Vorträge
Mittwoch, 22. April 2026, 18:30–20:00 Dr. Melissa Ann Kaul: „Der japanische Animal Turn: Wie die Beziehung zwischen Tier und Mensch in der Edo-Zeit als Vorbild für den heutigen Umgang mit nichtmenschlichen Tieren in Japan dienen kann“
Die weltweite akademische Diskussion über nichtmenschliche Tiere gewinnt zunehmend an Bedeutung. Während Disziplinen außerhalb der Naturwissenschaften lange Schwierigkeiten hatten, Tiere als moralisch relevant genug zu betrachten, um sie in den wissenschaftlichen Dialog einzubeziehen, markierten Werke wie Animal Liberation (1975) von Peter Singer und The Case for Animal Rights (1983) von Tom Regan die Anfänge der modernen Tierrechtsbewegung. Sie rückten den Umgang mit nichtmenschlichen Tieren in den Fokus. Das zunehmend anerkannte Forschungsgebiet der „Animal Studies“ verfolgt einen interdisziplinären Ansatz, um zu untersuchen, wie Tiere kulturell dargestellt und konstruiert werden. Dieser „Animal Turn“ beschränkte sich bislang hauptsächlich auf westliche Denker und ihre Theorien, während die ostasiatische Philosophie weitgehend ausgeklammert wurde.

Japan wird oft für seinen Umgang mit nicht-menschlichen Tieren kritisiert. Aktivitäten wie Walfang, Delfintötungen, Bärenjagd und die Vergasung von Haustieren haben dazu geführt, dass Japan in nur zehn Jahren im Tierschutzindex von D auf E gefallen ist – eine Entwicklung, die in anderen Industrieländern nicht vorkommt. Obwohl die japanische Kultur Harmonie mit der Natur betont und in buddhistischen sowie shintoistischen Überzeugungen verwurzelt ist, widerspricht diese negative Entwicklung diesem Bild. Internationale Tierschutzgesetze werden nur langsam und mit erheblichem Widerstand umgesetzt, was darauf zurückzuführen ist, dass das japanische Verständnis vom Umgang mit nichtmenschlichen Tieren als ausreichend für ihren Schutz gilt. Dadurch wird es in Japan deutlich schwieriger und fast unmöglich, Fortschritte im Tierwohl zu erzielen.
Um diesen Konflikt zu lösen und das japanische Denken in die Diskussionen der „Animal Studies“ einzubringen, bietet die historische Analyse der japanischen Mensch-Tier-Beziehung verschiedene Ansätze. Besonders die Edo-Zeit, beeinflusst von neokonfuzianischem Gedankengut, prägte den Umgang mit nichtmenschlichen Wesen neu und führte Edikte sowie Gesetze ein, die ihrer Zeit voraus waren. In diesem Vortrag wird eine Einführung in den aktuellen Stand der „Animal Studies“ und Tierethik in Japan gegeben, wobei einige edozeitliche Ansätze anhand des Denkers Andō Shōeki (安藤昌益, 1703–1762) exemplarisch vorgestellt werden.
Melissa Ann Kaul hat an der Universität Zürich promoviert und ist Stipendiatin des SNSF-Postdoc-Mobility-Programms. Momentan ist sie Postdoktorandin an der Universität Edinburgh. Ihre Forschungsschwerpunkte sind japanische Tierethik, Andō Shōeki und Neokonfuzianismus. Ihr neuester Artikel erschien im Journal of Animal Ethics. Sie ist außerdem Autorin der Open-Access-Monographie Animals in Premodern Japan – The Encyclopaedia of Andō Shōeki, die im Januar 2026 im Rahmen der Palgrave Animal Ethics Series veröffentlicht wurde. Aktuell arbeitet sie an einer Übersetzung von Andō Shōekis „Hōsei Monogatari“.
ACHTUNG SOMMERZEIT!!
Zeit: 18.30-20.00 Uhr (Japan), 11.30-13.00 Uhr (MESZ)
Zoom-Link: https://us02web.zoom.us/j/84832532285?pwd=nL6ToSMHRyBMDtuMWcwvcrZ7b2PqSN.1
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