Samstag, 14. März 2026, 10:00–16:00 Tokyo Reihe Prof. Dr. Susanne Schermann: „Auf der Schattenseite Edos: Stadtwanderung auf den Spuren von Hiraga Gennai“

OAG Tokyo Reihe

Diese Stadtwanderung knüpft an unseren Spaziergang vom Mai 2024, „Auf der Schattenseite des Lebens: Durch den Hinterhof Edos“, an, bei dem wir unter anderem Yoshiwara und die Hinrichtungsstätte Kozukappara nahe Minami-Senjū besucht haben. Diesmal führt der Weg vom Stadtzentrum nordwärts entlang des Sumidagawa. Thematisch orientiert sich die Route einerseits am Universalgelehrten Hiraga Gennai, andererseits an den Vergnügungs- und Unterhaltungsräumen Edos – eine Verbindung, die weniger disparat ist, als sie zunächst erscheinen mag, interessierte sich Gennai doch lebhaft für das Kabuki-Theater und insbesondere für dessen Schauspieler.

Ausgangspunkt ist die Station Kodemmachō, unweit des ehemaligen Tenmachō-Gefängnisses, in dem Hiraga Gennai inhaftiert war und starb. Im Jisshi-Park erinnern mehrere Gedenktafeln an diesen Ort; zudem befindet sich hier ein kleiner Schauraum mit einem Modell des Gefängnisses. Anschließend überqueren wir den Sumidagawa und besuchen den Tempel Ekō-in, der in der Edo-Zeit auch Raum für vielfältige Vergnügungen bot. Dies hing damit zusammen, dass Ryōgoku nicht zu Edo, sondern zur benachbarten Provinz Shimōsa gehörte, wo die polizeiliche Kontrolle weniger strikt war.

Der Weg führt weiter am Kokugikan vorbei zum Kyū-Yasuda-Teien, wo sich eine kurze Pause anbietet. Danach durchqueren wir das Kuramae-Viertel, in dem in der Edo-Zeit Reis gelagert wurde – sowohl als Steuerabgabe der Provinzen als auch als Besoldung für Staatsdiener. Rund um den Reishandel entstanden hier zahlreiche weitere Lagerhäuser. Vom Kuramae-Schrein aus setzen wir unseren Weg fort nach Asakusa ins Vergnügungsviertel Rokku, wo in der frühen Meiji-Zeit die Errichtung von Unterhaltungsstätten ausdrücklich erlaubt war.

Gefängnis_Gedenktafel
Gedenktafel für das ehemalige Tenmachō-Gefängnis
Gefängnis_Eingang
Eingang zu dem Gefängnis (Modell)

In dieser Gegend ist eine Mittagspause vorgesehen. Danach gehen wir weiter nach Saruwakachō, wohin die drei konzessionierten Kabuki-Theater Edos im 19. Jahrhundert im Zuge der Tenpō-Reformen zwangsweise verlegt wurden – eine Gedenktafel erinnert noch heute daran. Damit befinden wir uns bereits in Oku-Asakusa, dem „hinteren“ Asakusa im nordöstlichen Teil Edos. Dieses Gebiet war traditionell jenen Gewerben und Bevölkerungsgruppen vorbehalten, die als unerwünscht galten. In unmittelbarer Nähe zu Yoshiwara und der Hinrichtungsstätte gelegen, war es das einzige Viertel Edos, in dem die sozial ausgegrenzten Gruppen der Eta und Hinin leben durften.

Diskriminierung bedeutete dabei nicht zwangsläufig – wenn auch häufig – Armut: Schauspieler zählten zu den Hinin, während „unreine“ Arbeiten wie Lederbearbeitung, Müllabfuhr oder Leichenentsorgung den Eta oblagen. Die Familie (Yano) Danzaemon etablierte sich bereits in der frühen Edo-Zeit in diesem Bereich und wurde zu einer gefürchteten Führungsinstanz der diskriminierten Gruppen. Ihr Reichtum soll so beträchtlich gewesen sein, dass sie sogar Daimyō Geld liehen. Entlang des Sumidagawa befanden sich nicht nur Villen wohlhabender Schauspieler und anderer sozial Ausgegrenzter, sondern auch Zweitresidenzen von Daimyō.

Über das Töpferviertel Imado, in dem auch die Familie Danzaemon residierte, gelangen wir schließlich zum Grab von Hiraga Gennai. Der zugehörige Tempel wurde später nach Itabashi verlegt, doch das Grab selbst blieb an Ort und Stelle erhalten. Hier endet die gemeinsame Wanderung. Im Anschluss besteht die Möglichkeit, individuell weiter durch das Tagelöhner-Viertel San’ya nach Yoshiwara oder zur Hinrichtungsstätte Kozukappara zu gehen.

Es handelt sich ausdrücklich um eine Stadtwanderung: Die sichtbaren Spuren der Edo-Zeit sind hier noch spärlicher als in Yoshiwara. Im Vordergrund stehen daher weniger spektakuläre Einzelbesichtigungen als vielmehr ein räumliches Gespür für die Größe Edos und für jene Zonen, in denen Vergnügen, Unterhaltung und soziale Grenzbereiche angesiedelt waren. Die Gesamtlänge der Route beträgt etwa acht Kilometer.

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Geschäft für Umeboshi (eingelegte salzige „Pflaumen“) auf dem Weg
Geschäft_auf_dem_Weg_(im_Laden_geröstete_Bohnen_und_Erdnüsse)
Geschäft für geröstete Bohnen und Erdnüsse auf dem Weg
Geschäft_auf_dem_Weg_(alles_zum_Katazome-Färben_und_mehr)
Geschäft für traditionelles Textilhandwerk (Katazome-Färberei) auf dem Weg

Dr. phil. Susanne Schermann ist Filmwissenschaftlerin mit Schwerpunkt auf dem japanischen Kino. Sie studierte ab 1987 an der Waseda-Universität Filmgeschichte und wurde dort 1998 mit einer Dissertation über den Regisseur Naruse Mikio promoviert. Seit 1999 lehrt sie als Professorin an der Meiji-Universität.
Ihr Forschungsinteresse gilt dem japanischen Film, insbesondere der Zeit zwischen 1930 und 1970, sowie der Geschichte von Kinos als architektonische und kulturelle Räume. In den letzten Jahren veröffentlichte sie Arbeiten zum japanischen Propagandafilm, shinpa-Film und Kinos im ländlichen Raum.
Aktuell forscht sie über den Drehbuchautor Noda Kōgo sowie über Mishima Yukio und dessen Verhältnis zum Film.

Wann? Samstag, den 14. März 2026, 10.00 bis 16.00 Uhr
Ausweichtermin bei schlechtem Wetter: 28. März
Wo? Treffen vor dem Ausgang Nr. 4 der U-Bahn-Station „Kodemmachō“
(Hibiya-Linie). Der Ort ist auch von den Stationen „Mitsukoshimae“
(Ginza-Linie), „Ningyōchō“ (Asakusa-Linie), „Bakuro-Yokoyama“
(Shinjuku-Linie) und „Bakurochō“ (JR) zu Fuß in fünf bis zehn Minuten
zu erreichen.
Ende der Tour an der Grabstätte von Hiraga Gennai, nahe Shirahige-Bashi,
ungefähr ein Kilometer bis zum Bahnhof „Minami-Senjū“

Wer sich in das Thema „Hiraga Gennai“ einlesen möchte, dem sei das OAG-Taschenbuch Nr. 108 empfohlen: Das aufregende Leben des Geschichtenerzählers Shidōken. Hiraga Gennais „Fūryūshidōkenden“, eingeleitet, übersetzt und annotiert von Rita Briel. Das Büchlein erhalten OAG-Mitglieder im Februar 2026 als Jahresgabe.

Im Taschenbuch Nr. 92 können Sie „Zwei Diskurse über den Furz. Gelehrte Betrachtungen über ein anrüchiges Thema“ von Hiraga Gennai lesen, ebenfalls eingeleitet, übersetzt und annotiert von Rita Briel.