Mittwoch, 24. September 2025, 18:30–20:00 Prof. Dr. Stefan Keppler-Tasaki: „Neo-Werther: Aktualisierung und Popularisierung eines Goethe’schen Helden in Japan“

Das internationale Genre der Wertheriaden florierte, als auf Goethes Skandalbuch Die Leiden des jungen Werthers (1774) nicht nur unzählige deutschsprachige Werke wie Jakob Michael Reinhold Lenzens Der Waldbruder, ein Pendant zu Werthers Leiden (1776) antworteten, sondern auch eine ganze Reihe englischer und französischer Romane, wie die anonymen Letters of Charlotte (1786) und Pierre Perrins Werthérie (1791). Seitdem haben nur wenige signifikante Arbeiten wie Ludwig Jacobowskis Werther, der Jude (1892) und Ulrich Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen W. (1973) diesen kreativen Dialog fortgesetzt und das Corpus der Wertheriaden erweitert.

Vor diesem Hintergrund überraschen die wiederholten Aneignungen von Goethes Briefroman in der jüngeren japanischen Populärkultur. Zur Diskussion stehen Romane und Mangas im Mystery- und Young-Adult-Segment, die sich aufgrund ihrer besonderen zeitgenössischen Voraussetzungen als Neo-Wertheriaden ansprechen lassen. Es wird zu zeigen sein, wie diese Texte „Goethe als Weltliteratur“ (Matt Erlin) aktualisieren und popularisieren, wie sie mit der Suizidprävention in Verbindung stehen und schließlich, warum Schokolade und Kaffee einen wichtigen Bestandteil jener Mischung ausmachen, die Werther in Japan so ausgesprochen lebendig hält.

Abb. Werther neu
Werther am Schreibtisch (Ausschnitt), Manga: Ichikawa Yōko, 1985.

Stefan Keppler-Tasaki ist Professor für moderne deutsche Literatur am Seminar für deutsche Sprache und Literatur der Universität Tokyo. Aktuelle Bücher: Writing in Residence. Globale Literaturproduktion in deutschen Residenzprogrammen. Berlin, Boston 2024 (hg. zusammen mit Alexandra Ksenofontova und Jutta Müller-Tamm), Denkräume der Philologie. Festschrift für Peter-André Alt. Würzburg 2025 (hg. zusammen mit Alice Stašková und Volkhard Wels).

Video-Mitschnitt

Veranstaltungshinweis/Hörtipp von Prof. Keppler-Tasaki:
Auf der Internetseite des Radiosenders J-Wave lässt sich ein brandneues Werther-Hörspiel nachhören (drei Teile zu je 20 Min.).
Siehe: www.j-wave.co.jp/original/neoclassica/