Exkursionen
Samstag, 14. Februar 2026, 10:15–16:00 Tokyo Reihe Auf den Spuren der Schriftstellerin Higuchi Ichiyō in Bunkyō-ku und Besichtigung des historischen Ryokan „Hōmeikan“

Das „Hōmeikan“ wurde 1898 (Meiji 31) ursprünglich als Pension für Studenten der nahe gelegenen Tokyo Universiät und Literaten errichtet und vor dem Krieg als Pension mit angeschlossenem Gasthaus betrieben. Nach dem Krieg erfolgte ein teilweiser Umbau, um es ausschließlich als Ryokan zu nutzen. Das Gebäude überstand sowohl das Große Kantō-Erdbeben als auch die Luftangriffe auf Tokyo und vermittelt bis heute eindrucksvoll die Geschichte des Bezirks Hongō als einst lebendiges Viertel der Pensionen und Gasthäuser. Bei der Umgestaltung von der Pension zum Ryokan wurden für Bodenstützen, Decken und weitere Bauelemente zahlreiche seltene und hochwertige Hölzer verwendet.
Das seit über 120 Jahren bestehende Gebäude samt seiner Nebengebäude (Morikawa Bekkan und Daimachi Bekkan) sollte vor einigen Jahren abgerissen werden, wurde aber dank einer Nachbarschaftsinitiative „gerettet“ und ist inzwischen ein eingetragenes materielles Kulturgut. Um das Gebäude auch weiterhin für verschiedene Veranstaltungen nutzen zu können, ist allerdings eine grundlegende Renovierung und Sanierung notwendig. Bevor dies geschieht, wollen wir das Gebäude nicht nur besichtigen, sondern uns auch mit der Literatur von zwei Autorinnen aus der Meiji-Zeit beschäftigen, die eng mit dem Bezirk Hongō verbunden waren: Higuchi Ichiyō und Itō Noe.
Itō Noe: „Die Flucht“. Publiziert in der Zeitschrift Seitō (Blaustrumpf), hersg. Hiratsuka Raichō, Ausgabe Februar 1914. Originaltitel: Shuppon. Die Februar-Nummer der Zeitschrift wurde wegen dieses Textes beschlagnahmt und verboten. Auf Deutsch noch unveröffentlicht.
Higuchi Ichiyō: „Ein Schneetag“. Originaltitel: Yuki no hi. Aus: Mond überm Dachfirst, übersetzt und mit einem Nachwort von Michael Stein, Manesse Bibliothek der Weltliteratur 2008.
Die beiden kurzen Texte, die anlässlich der Besichtigung des Hōmeikan gelesen werden sollen, stammen von Autorinnen, die in fußläufiger Nähe dieses Ryokan im heutigen Bezirk Bunkyō-ku lebten und wirkten und ein gemeinsames Thema behandeln: Die Flucht einer jungen Frau in die Arme eines verehrten Lehrers.
Dennoch können die Texte kaum unterschiedlicher sein.

Itō Noe (1895-1923) berichtet hier über ihre eigene Flucht aus Fukuoka vor der von ihrer Verwandtschaft arrangierten Ehe mit einem ungeliebten Partner, ihre Verzweiflung und die erhoffte Beziehung zu dem jungen Lehrer Tsuji Jun ihrer Mädchenschule Ueno Jogakkō in Tokyo. Noe lehnt sich mit ihrem journalistischen und biographischen Text gegen die gesellschaftlichen Konventionen der nationalistischen Taishō-Zeit auf und muss einen hohen Preis dafür bezahlen. Die Kenpeitai, Japans brutale Militärpolizei, unterzog die mittlerweile zur Chefredakteurin der Avantgarde-Zeitschrift Seitō avancierte junge Feministin kurz nach dem Großen Kantō-Erdbeben (1.9.923) einem Verhör mit Folter, die sie nicht überlebte. Dieser politische Mord ereignete sich nur viereinhalb Jahre nach der Ermordung von Rosa Luxemburg in Berlin.
Das Verlagshaus „Seitōsha“, in dem Noe bis 1912-1916 arbeitete, befand sich in Bunkyō-ku, Sendagi 5-3-11, Entfernung zum Hōmeikan ca. 1200 m.

Higuchi Ichiyō (1872-1896) verarbeitete in ihrer Kurzgeschichte von 1893 in literarischer Form ihre Beziehung zu Nakarai Tōsui, ihrem Förderer vom Verlag des Zeitungshauses „Asahi Shinbun“, der ihr mit großem Engagement den Weg zum Durchbruch als Schriftstellerin geebnet hatte. Sie hatte gerade die Beziehung zu Tōsui abgebrochen, weil Gerüchte aufkamen, die Beziehung zwischen dem jungen Witwer und der angehenden Schriftstellerin sei nicht allein geschäftlicher Natur. Ichiyō, eine schüchterne junge Frau der Meiji-Zeit, fügte sich aus freien Stücken der Konvention, obwohl sie unter dem Verlust ihres guten Freundes stärker litt als er, und verarbeitete diese Beziehung literarisch, indem sie sie auf ihre Art verfremdet und tragisch enden lässt.
Higuchi Ichiyō lebte ab 1890 in einer Mietwohnung im heutigen Bunkyō-ku, Hongō 4-32, Entfernung zum Hōmeikan ca. 200m.
Zum Ablauf:
Zunächst wird der Übersetzer Michael Stein zwei verschiedene Texte vorlesen, die er erstmals ins Deutsche übertragen hat. Nach einer kleinen Mittagspause (bitte bringen Sie sich Ihr Essen mit), besichtigen wir das Hōmeikan und unternehmen anschließend einen Spaziergang durch die Nachbarschaft. Dabei werden wir auch das 1860 gegründete Pfandhaus „Iseya“ besichtigen, das seitdem mehrfache Umbauten erlebte und heute zu den wenigen „alten“ Häusern in dem Bezirk gehört. Die Schriftstellerin Higuchi Ichiyō, die 1890 (Meiji 23) nach Hongō Kikuzaka zog, musste in finanzieller Not immer wieder dieses Pfandhaus aufsuchen und persönliche Wertgegenstände versetzen, was sie in ihren Texten auch häufig beschreibt.
Leitung: Michael Stein und Maike Roeder
Wegbeschreibung zum Hōmeikan
Hōmeikan (Honkan, Haupthaus)
5-10-5 Hongo, Bunkyo-ku, Tokyo 113-0033
TEL: 03-3811-1181, FAX: 03-3811-1764
Die nächsten Bahnhöfe sind:
„Hongō sanchōme“ (Marunouchi-, Oedo-Linie; Ausgang 3, 9 Min. Fußweg)
„Kasuga“ (Mita-Linie, Ausgang 6, 4 Minuten Fußweg)
„Tōdaimae“ (Nanboku-Linie, Ausgang 1, 12 Minuten Fußweg)
WICHTIG: Die Teilnahmegebühr kommt ausschließlich dem Hōmeikan zugute.
Bitte geben Sie bei der Anmeldung an, ob Sie in dem Tatami-Zimmer auf einem Sitzkissen oder lieber auf einem Stuhl sitzen wollen, da dies vorab reserviert werden muss.
Unter diesem Link können Sie sich mit Hilfe eines virtuellen Rundgangs einen Überblick über die Gebäude des Hōmeikan machen.
Weitere Literatur von und über Higuchi Ichiyō finden in der OAG-Bibliothek.






