Mittwoch, 25. März 2026, 18:30–20:00 Dr. Fabienne Uji-Hofer: „Taiwans Rezeption der deutschen Bildungspolitik in der Frühphase der japanischen Kolonialherrschaft (1895−1914): Kiautschou als Modell“

Für Meiji-Japan war das Deutsche Kaiserreich ein wichtiger Referenzpunkt in zahlreichen Bereichen wie Recht, Medizin, Militär, Musik – und Bildung. Diese deutsche Vorbildfunktion ist wohlbekannt und gut erforscht. Ein Aspekt, der jedoch bisher kaum Beachtung fand, ist die Tatsache, dass nicht nur das japanische Mutterland (Nihon Naichi), sondern auch dessen Kolonien, insbesondere das Generalgouvernement Taiwan, bei Bildungsfragen den Blick auf das deutsche Kaiserreich richteten. Doch weshalb? Wäre es nicht viel einfacher gewesen, das in Japan eingeführte preußische Bildungsmodell auf die Kolonien zu übertragen?

Tatsächlich gab es mehrere Gründe, die dagegen sprachen: Zunächst war Taiwan die erste Kolonie Japans. Da sie als solche die gesamten Grundzüge der japanischen Kolonialpolitik festlegte, konnte bei deren Ausarbeitung auf keinen Präzedenzfall verwiesen werden. Zudem bestanden innenpolitische Spannungen zwischen der Zentralregierung und der Kolonialverwaltung auf Taiwan. Schließlich unterschied sich die bildungspolitische Situation in Taiwan aufgrund der multi-ethnischen und multilingualen Bevölkerung in ihrer Diversität wesentlich von derjenigen im japanischen Mutterland.
Aus diesen Gründen richtete das Generalgouvernement Taiwan sein Augenmerk auf den deutschen Vielvölkerstaat, insbesondere dessen „Laboratorien der Moderne“, sprich Gebiete mit einer hohen nicht-deutschstämmigen Bevölkerung und einer experimentellen Bildungspolitik. Neben Preußens Ostgebieten und Elsass-Lothringen erfüllte in Übersee das Pachtgebiet Kiautschou diese Voraussetzungen. Darüber hinaus bot es sich aufgrund seiner geographischen Nähe zu Taiwan, seiner ebenfalls chinesischen Bevölkerung und der gemeinsamen Tradition der Beamtenprüfung sowie der zeitnahen Etablierung der deutschen bzw. japanischen Fremdherrschaft als Modell an.

In diesem Vortrag wird neben dem unterschiedlichen Fokus, den das japanische Mutterland und das Generalgouvernement Taiwan auf die deutsche Bildungspolitik legten, der Zirkel deutsch-affiner Kolonialbeamter in der Verwaltung auf Taiwan sowie deren Investigationen im Pachtgebiet Kiautschou, ihre wandelnde Schwerpunktsetzung im Laufe der Zeit und der daraus resultierenden Modellhaftigkeit von Kiautschou für Taiwan erörtert.

Chemieunterricht an der Deutsch-Chinesischen Hochschule
Chemieunterricht an der Deutsch-Chinesischen Hochschule in Tsingtau (1909-1914)

Fabienne Uji-Hofer, geboren 1986 in Zürich, erwarb einen Master in Ostasienwissenschaften (Japanologie und Sinologie) an der Universität Genf. In ihrer Magisterarbeit beschäftigte sie sich erstmals mit der japanischen Kolonialzeit auf Taiwan. Ihre Forschung setzte sie in einem Doktorstudium an der Universität Osaka fort. Nach ihrer Promotion 2022 überarbeite und übersetzte sie ihre Dissertation ins Deutsche. Sie erschien 2024 unter dem Titel Taiwans Rezeption der deutschen Bildungspolitik. Uji-Hofer veröffentlichte mehrere Artikel auf Deutsch, Japanisch und Mandarin zur Geschichte Taiwans und übersetzte für die Anthologie zur taiwanischen Literatur Zwischen Himmel und Meer Gedichte und einen Essay aus der Kolonialzeit aus dem Japanischen ins Deutsche. Sie lebt in Osaka.

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Quelle: Katayama, Shūtarō: Doitsuryō Kōshūwan ippan [Die deutsche Besitzung Kiautschou].[ohne Ort]: Taiwan sōtokufu, 1914. [Titelblatt].

WINTERZEIT!!
Zeit: 18.30-20.00 Uhr (Japan), 10.30-12.00 Uhr (MESZ)
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