Vorträge
Mittwoch, 15. Oktober 2025, 18:30–20:00 Dr. Juljan Biontino: „Shintō und Assimilationspolitik im kolonialen Korea am Beispiel des Berges Namsan (1892–1945)“
Während der Chosŏn-Dynastie galt der Berg Namsan als Schutzberg Seouls und blieb sowohl von Abholzung als auch von der Errichtung von Grabanlagen weitgehend verschont. In der Zeit des koreanischen Kaiserreiches (1897–1910) wurde am östlichen Hang des Namsan das Changch’ungdan errichtet – ein Altar zum Gedenken an diejenigen, die im Dienst des Landes gefallen waren. Dadurch wurde der Berg zunehmend mit patriotischer Bedeutung aufgeladen. Noch vor Beginn der formellen Kolonialherrschaft errichteten japanische Siedler einen ersten Shintō-Schrein, um ihre religiösen Praktiken auszuüben.
Mit der Etablierung der japanischen Kolonialherrschaft wurde der Namsan zu einem experimentellen Raum für die Implementierung des Staats-Shintō in Korea. Das gesamte Areal wurde in einen Kulturpark umgestaltet, der es japanischen Bürgern ermöglichen sollte, ihre Zugehörigkeit zum Kaiserreich zu bekräftigen. Gleichzeitig wurden Koreaner schrittweise in Shintō-Rituale eingebunden und dazu angehalten, durch den Besuch von Schreinen und die Teilnahme an deren Veranstaltungen Zugang zur japanischen Kultur und Denkweise zu finden. Zwei buddhistische Schreine ergänzten schließlich das Bild, womit der Namsan zu einer zentralen Bühne für die koloniale Assimilationspolitik und Loyalitätserziehung avancierte.

Quelle: https://www.chosun.com/site/data/html_dir/2016/02/26/2016022601420.html
(Koreanische Tageszeitung)
In diesem Vortrag wird der Wandlungsprozess des Namsan ausführlich beleuchtet und die Rolle des Shintō im kolonialen Korea diskutiert. Die kolonialen Behörden sahen sich fortlaufend mit der Herausforderung konfrontiert, die inhärenten religiösen Elemente des Shintō mit seinem offiziellen Status als staatsbürgerliche Praxis in Einklang zu bringen. Dennoch wurde der Staats-Shintō gezielt als Instrument der kulturellen Assimilation eingesetzt, um die koreanische Bevölkerung für die japanische Sache zu gewinnen und die wahrgenommene „Andersartigkeit“ zwischen Japanern und Koreanern ideologisch zu überwinden. Gleichwohl blieb auf beiden Seiten Skepsis bestehen: Die japanischen Behörden hegten Zweifel an der inneren Haltung, mit der Koreaner die Schreine aufsuchten, während viele Koreaner bezweifelten, ob ein derart genuin japanisches Phänomen wie der Shintō jemals authentische Resonanz bei ihnen finden könne.
Juljan Biontino studierte an der Universität Heidelberg und promovierte zu den Schreinen und Tempeln auf dem Berg Namsan an der Seoul National University, Südkorea. Seit 2016 ist er am College of Liberal Arts and Sciences, Graduate School of Global and Transdisciplinary Studies der Universität Chiba in Japan tätig. 2024 erschien eine ins Deutsche übertragene und erweiterte Fassung seiner Dissertation unter dem Titel Die Aneignung des Berges Namsan, 1890–1945. Shintō-Schreine, Tempel und Rituale in der japanischen Assimilationspolitik in Korea in der Reihe Japan in Ostasien des Nomos Verlags. Zur Zeit arbeitet er an einem zweiten Buch, in dem seine Ergebnisse aus einem beendeten Forschungsprojekt zur gegenseitigen Wahrnehmung Japans und Koreas zusammengefasst werden. Sein aktuelles Forschungsthema sind die kürzlich eingeführten, neuen Curricula und Schulbücher für den Geschichtsunterricht an Oberschulen in Japan und Südkorea.





