Vorträge
Mittwoch, 1. April 2026, 18:30–20:00 Ass.-Prof. Dr.in Alice Pacher: „Wenn Intimität sexlos wird: Sexualität, Partnerschaft und gesellschaftlicher Wandel in Japan“
Die sinkende Geburtenrate wird in öffentlichen Diskursen häufig mit dem sogenannten „sexless phenomenon“ beziehungsweise sexueller Inaktivität in Verbindung gebracht. Gleichzeitig ist bislang nur wenig darüber bekannt, wie sich das Sexualverhalten in der japanischen Gesellschaft im Zuge gesellschaftlicher Veränderungen tatsächlich gewandelt hat.
Daten der „Japanischen Gesellschaft für Familienplanung“ sowie der Japan Sex Survey (2024) zeigen einen deutlichen Anstieg sexueller Inaktivität, definiert als mindestens ein Monat ohne Geschlechtsverkehr. Der Anteil sexuell inaktiver Personen stieg von 31,9 % im Jahr 2004 auf 64,2 % im Jahr 2024. Die Ursachen sind multikausal und reichen von arbeitsbedingter Erschöpfung bis hin zu veränderten Bedeutungszuschreibungen von Partnerschaft, Intimität und Elternschaft. Sexlosigkeit verweist damit auf breitere gesellschaftliche Transformationsprozesse und lässt sich als makrosoziales Phänomen verstehen.
Vor diesem Hintergrund verbindet der Vortrag die Analyse des „sexless phenomenon“ mit Ergebnissen einer qualitativen Interviewstudie mit 64 Studierenden. Im Zentrum steht der Wandel des Sexualbewusstseins junger Erwachsener als Schnittstelle zwischen gesellschaftlichen Strukturen und individueller Beziehungspraxis. In einem Zeitvergleich zwischen 2008 und 2024 wird untersucht, wie sich Vorstellungen von Liebe, Sexualverhalten (z. B. Masturbation) und die Kommunikation über Sexualität verändert haben und welche Bedeutung diese Entwicklungen für das Verständnis von Sexlosigkeit haben. Die Interviews zeigen eine zunehmende Reflexivität, zugleich aber auch Unsicherheit im Umgang mit Sexualität. Der Vortrag argumentiert, dass die Analyse von Sexualität einen zentralen Zugang zum Verständnis gegenwärtiger sozialer Transformationen in Japan eröffnet.
Ass.-Prof. Dr.in Alice Pacher ist Soziologin mit Schwerpunkt auf Gender und Sexualität im modernen Japan. Nach einem Japanologie-Studium an der Universität Wien (2011) absolvierte sie ihr Master- (2014) und Doktoratsstudium (2020) an der Meiji-Universität. Sie lehrte ab 2020 an der Meiji-Universität und ist seit 2025 an der Chūō-Universität tätig. Ihre Forschung fokussiert das sexless phenomenon sowie den Wandel von Beziehungs- und Sexualformen im deutsch-japanischen Vergleich.






