OAG – Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (Tokyo)

Mittwoch, 4. Oktober 2017, 18:30-20:00 UhrMarkus Rüsch: „Wieso heilig? Konstruktionen des Heiligen in buddhistischen Hagiographien am Beispiel von Shinran und seiner Zeit im Raum Kantō“

笠間光照寺
ⓒ Markus Rüsch

Im Studium des Buddhismus ist die Existenz von hagiographischen Texten wohl genauso präsent wie die von doktrinären Texten. So ist die Verwobenheit des Lebenslaufs eines Schulgründers mit seiner Lehre für das Selbstverständnis einer Schule von hoher Bedeutung. Dies zeigt sich auch daran, dass eine wesentliche – wenn nicht sogar die bedeutendste – jährliche Zeremonie zu Ehren des Schulgründers abgehalten wird, in der die einzelnen Stationen seines Lebens in Form von Rezitation und Bildrollen vorgestellt werden. Ein Beispiel für eine der wechselvollsten Auseinandersetzungen mit einem Schulgründerbild ist Shinran (親鸞). Er wurde in einem Zeitraum von mehr als 800 Jahren regelmäßig zum Gegenstand von Hagiographien. Die Texte unterscheiden sich dabei nicht allein in Umfang und Entstehungszeit, sondern auch in ihren Episoden und Shinran-Bildern, sodass von Beginn an einige Hagiographien in Widerspruch zu anderen standen.

玉日本廟
ⓒ Markus Rüsch

In meinem Vortrag möchte ich nach einem allgemeinen Überblick über das Textkorpus der Hagiographien sowie das Leben Shinrans insbesondere auf seine Zeit im Raum Kantō eingehen. Dieser Lebensabschnitt steht für die Zeit der Bildung einer größeren Anhängerschaft, weshalb die Ursprünge einer Vielzahl der heutigen Zweige der Jōdo Shinshū (浄土真宗), insbesondere die „Zehn Zweige der Jōdo Shinshū“ (Shinshū jippa, 真宗十派) in diese Zeit führen. Wir wollen fragen, welche Stationen in Kantō zum Gegenstand von hagiographischem Schreiben geworden sind und wie die Orte als Symbole bestimmter doktrinärer Inhalte der Jōdo Shinshū dienen.

Markus Rüsch ist Doktorand am Institut für Japanologie der Freien Universität Berlin. Er absolvierte Forschungsaufenthalte an der Kyoto Universität und Ōtani Universität. Seine Forschungsinteressen sind japanischer Buddhismus, buddhistische Literatur und Philosophie. In seiner Dissertation untersucht Markus Rüsch das Textfeld der Hagiographien und erarbeitet dabei die Strukturen im Kontext der Schaffung eines Heiligen auf Basis doktrinärer Texte.